Händler von Finanzderivaten fordern für GM-Kontrakte bereits Vorauszahlungen – ein für Pleitekandidaten übliches Verfahren. Dabei schließt Wagoner weiter kategorisch aus, dass GM seiner ehemaligen Zuliefertochter Delphi in die Insolvenz folgen könnte.
Die Erleichterung in der GM-Zentrale über die Zustimmung der Gewerkschaften zur Neuverteilung der Krankenversicherungskosten währte nur kurz. Inmitten einer weiteren Abstufung der Bonität, dem billigsten Aktienkurs und dem niedrigsten Marktanteil in den USA seit 25 Jahren sowie peinlichen Bilanzierungspannen fallen gute Nachrichten kaum noch ins Gewicht. Denn trotz aller Schwüre gewährt GM schon wieder großzügige Rabatte. Um am Leben zu bleiben, muss der Riese seine Autos verkaufen, koste es, was es wolle.
Mit drastischen Kostensenkungen gewinnt man keine Popularitätspreise, erst recht nicht bei den Gewerkschaften . Wie drastisch sie ausfallen müssten, macht Delphi-Chef Robert Miller vor. Er will zahlreiche Werke schließen und die Löhne um mehr als die Hälfte kürzen. Miller riskiert damit einen Streik und setzt zugleich seinen Hauptkunden GM unter Druck. Ohne Autoteile von Delphi stehen bei GM die Bänder still. Analysten haben errechnet, dass das Liquiditätspolster von 19 Milliarden Dollar in zehn Wochen aufgebraucht wäre.
Um einen Streik bei Delphi zu vermeiden, muss GM wahrscheinlich tief in die Taschen greifen. Der Autokonzern hatte bei der Abspaltung von Delphi 1999 garantiert, im Konkursfall dessen Pensionsverpflichtungen zu übernehmen. Die Sanierung von Delphi könnte locker die zwölf bis 15 Milliarden Dollar verschlingen, die GM aus dem Verkauf einer Mehrheitsbeteiligung an seiner Finanztochter und Ertragsperle GMAC zu erlösen hofft.
Dabei sind Kosten und Delphi-Sanierung nur die eine Seite der Gleichung. Die andere sind Autos, die auch ohne massive Preisnachlässe Käufer finden. In dieser Hinsicht hat GM erheblichen Nachholbedarf, aber immer weniger Zeit und Geld. Von den wenigen attraktiven Nischenmodellen, die bereits auf dem Markt sind, kann der Konzern nicht leben, zumal nicht ohne die Gewinne der GMAC.
Finanzjongleur Kirk Kerkorian, dessen knapp zehnprozentige GM-Beteiligung tief im Minus steckt, hält sich bislang bedeckt. Retten könnte er den Konzern ohnehin nicht. Selbst unter einem zu allem entschlossenen Management brauchte GM Zeit und finanziellen Spielraum für eine Erneuerung.
Die Perspektive für GM verengt sich damit immer mehr auf zwei Alternativen: Entweder staatliche Garantien wie seinerzeit bei Chrysler oder ein Insolvenzverfahren nach Kapitel 11 des US-Konkursrechtes.