_

Analyse: GM stößt Merkel vor den Kopf

Die Muttergesellschaft von Opel hat dreist versucht, den deutschen Steuerzahler abzukassieren. Jetzt zieht sie es auf einmal vor, ohne fremden Einfluss eisern zu sanieren. Eine Analyse von Matthias Eberle .

Handelsblatt-Korrespondent Matthias Eberle in New York. Quelle: Pablo Castagnola
Handelsblatt-Korrespondent Matthias Eberle in New York. Quelle: Pablo Castagnola

Es ist vollbracht! Das übelste Theaterstück, das der deutsche Steuerzahler in den vergangenen Jahren miterleben musste, schließt mit lautem Kanonendonner - aber es waren nur Platzpatronen. Als wäre nichts gewesen, zieht General Motors alle Forderungen nach staatlichen Bürgschaften für Opel zurück und saniert seine europäische Tochter, wie es sich für ein Unternehmen gehört, auf eigene Kosten. GM hat in der Heimat schon schwerere Sanierungsfälle als Opel gemeistert, wenn auch unter Mithilfe eines Konkursverfahrens.

Anzeige

Man muss sich das noch mal auf der Zunge zergehen lassen: Erst düpiert Amerikas führender Autokonzern die deutsche Bundesregierung und bläst einen lange geplanten Verkauf an die von Berlin präferierten Opel-Partner aus Russland und Österreich ab. Dann gaukelt GM in einer schieren Endlosschleife nicht nur Deutschland, sondern auch anderen Nationen wie Großbritannien, Spanien und Polen vor, dass ohne Steuergelder in Milliardenhöhe keine Rettung für Opel und die brit ische Konzernschwester Vauxhall mehr möglich sei. Dabei war diese scheinbare Notwendigkeit bereits als plumper Versuch zu erkennen, einfach beim europäischen Steuerzahler abzukassieren. So rutschte dem neuen GM-Chairman und Vorstandschef Edward Whitacre im November 2009 in einem Interview folgende Aussage heraus: "Wenn Frau Merkel nichts zur Verfügung stellen will, dann bezahlen wir das eben selbst. Vielleicht macht diese Nachricht ja ihre Bundeskanzlerin glücklich."

Dass ebendiese Bundeskanzlerin noch sieben weitere Monate prüfen ließ, ob sich nicht doch noch ein paar Hundert Millionen Euro für die "Adam Nimmersatt AG" lockermachen ließen, ist der eigentliche Skandal. Sie machte aus der Partie GM gegen Europa so etwas wie ein schlechtes WM-Achtelfinale: Millionen von belästigten Zuschauern wünschten sich, das traurige Spiel möge bitte zu Ende gehen, doch der Schiedsrichter schickte die Mannschaften nach einem 0:0 in die Verlängerung. Jetzt erst gibt sich GM geschlagen, dreht über Nacht den Spieß um und verweist unverfroren auf die frische Kraft der Konzernmutter in den USA. Im Wortlaut der Kommunikatoren heißt das: "Wir freuen uns über die Entscheidung unserer Muttergesellschaft und die damit verbundene Unterstützung. Sie erlaubt uns, in einer äußerst wettbewerbsintensiven Industrie zuversichtlich in die Zukunft gehen zu können." Mit anderen Worten: "Liebe Politiker, wir sanieren jetzt selber. Haltet euch ab sofort bitte aus unternehmerischen Entscheidungen raus!"

  • 17.06.2010, 12:10 UhrAnonymer Benutzer: Atze

    Wie sagte doch Franz beckenbauer? Schau mer mal... wer hier wirklich auf Dauer der Sieger ist. Auch wenn einige der Meinung sind, GM endgültig in die Schranken gewiesen zu haben, ich denke, ihr täuscht Euch und zwar gewaltig. Denn nun ist das eingetreten, wovor bereits gewarnt wurde, was aber unsere hochintelligenten Entscheidungsträger übersehen haben: GM wird sanieren, und zwar nicht nach deutscher Gewerkschaftsmethode, sondern amerikanisch, wie die Axt im Walde. Den richtigen Mann dafür haben Sie ja nun an der Spitze. ich errinere an andere Unternehmen unter der Führung von Whitacre und Reilly!!

    Und noch etwas zu den Staatshilfen. Es gab auch andere deutsche Automarken, die in der Vergangenheit bereits Länderhilfen bekommen haben, als es mal nicht rund lief. Und die Herren in Wolfsburg sollten sich ganz ruhig verhalten, denn wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, sind während der banken-Wirtschafts-und Finanzkrise bereits staatliche Gelder nach Wolfsburg geflossen. Natürlich nicht als offizielle Unterstützung des Autobauers, nein, sondern als Hilfen für die konzerneigene (Volkswagen)bank. Also Herr Winterkorn, Piech und so weiter: Füße still halten!

  • 17.06.2010, 09:04 UhrAnonymer Benutzer: Torsten Steinberg

    Sanierung ist doch nicht gleich Sanierung!

    Man darf gespannt sein, wie sich die Sanierung von Opel, die GM jetzt ohne Rücksicht auf die Unterstützung durch öffentliche bürgschaften oder Fördergelder durchführen kann, von der Sanierung unterscheiden wird, die bundesregierung, betroffene Landesfürsten und belegschaftsvertretung sich vorgestellt haben. Denen ging es immer, und das nicht an letzter Stelle, auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen und Standorten. Diese Rücksichten entfallen jetzt für GM und man kann ohne Federlesens dort schließen und entlassen, wo man es für richtig hält. Selbstverständlich ist es richtig, dass auf Dauer kein Arbeitsplatz gegen jegliches unternehmerische Kalkül allein durch das Geld des Steuerzahlers erhalten werden kann. Ehe wir uns versehen würden wir abrutschen in eine ineffiziente, sozialistische Mangelwirtschaft. Doch oft genug ist die Frage nach der Überlebensfähigkeit einer betriebseinheit oder der Erhaltenswürdigkeit eines Arbeitsplatzes nicht eindeutig zu beantworten. Keine Frage dagegen ist es, wie unter den jetzigen Umständen die Entscheidung von GM im Einzelfall ausfallen wird.

    Vergessen wir auch nicht, als GM im Strudel der Finanzkrise unterzugehen und Opel von der Muttergesellschaft mit in das Verderben gezogen zu werden drohte, das allseitige Erstaunen darüber, wie wenig Eigenständigkeit Opel im Konzern hatte. Damals sogar ohne eigene Konten und ohne Verfügungsgewalt über die eigenen Patente hat es alle beteiligten Stellen größte Anstrengung gekostet, Opel überhaupt als eigenständige Gesellschaft wieder erkennbar werden zu lassen, die unabhängig vom Schicksal des Mutterkonzerns hätte gerettet werden können. Die Regierung hat jetzt kaum noch eine Handhabe um zu verhindern, dass dieser Prozeß wieder in sein Gegenteil verkehrt wird.

    bei sachlicher betrachtung kommt ja erschwerend hinzu, dass nach offizieller Darstellung von Seiten der Regierung GM durchaus mit finanzieller Unterstützung rechnen durfte und sich durchaus mit einiger berechtigung getäuscht fühlen kann. Getäuscht natürlich nicht von unserem Wirtschaftsminister brüderle, der in der Causa Opel seiner Linie immer treu geblieben ist. Geld für deutsche Hoteliers: ja - Geld für ausländische investoren: nein! Womit GM als ausländischer investor aber sicher nicht gerechnet hätte, was uns aber immer weniger überrascht, ist die offenbar nicht vorhandene Abstimmung innerhalb des Regierungskabinetts und es entsteht durchaus zu Recht der Eindruck, dass Frau Merkel enger mit GM zusammengearbeitet hat als mit ihrem eigenen Wirtschaftsminister. in diesem Durcheinander ist es leider fast unmöglich, eine Finanzierungszusage geordnet auf eine Weise zurückzuziehen, die den betroffenen nicht düpiert.

    Fazit: Das Geld des Steuerzahlers wurde gerettet und Opel wird trotzdem saniert. bravo! Es soll aber niemand von denen, die jetzt jubeln und GM sogar ein Spiel mit falschen Karten vorwerfen, anfangen zu jammern, wenn die Sanierung sich ganz anders gestaltet, als sich das irgend jemand sich erträumt hat.

  • 17.06.2010, 07:14 UhrAnonymer Benutzer: TukTuk

    So macht man das. GM hat sich von zig'Tausend Mitarbeitern entledigt, Pensionsverpflichtungen abgeschuettelt, Werke geschlossen, Milliarden USD an Rechnungen einfach mit dem Konkursverfahren wertlos gestellt und Anleihenbesitzer enteignet. Nach 2 Monaten taucht man wieder auf, frisch und froehlich, denn die Altlasten sind ja nicht mehr da, und man schreibt Gewinne. Man hat zwar noch versucht aus Europa auch noch was auszuquetschen, doch gut dass das nicht 'gemerkelt' hat. Wer sich von GM fernhalten kann, sollte das tun. Mit solchen Firmen sollte man keine Geschaefte machen.

  • Die aktuellen Top-Themen
Logistikspezialist: Rollen, die die Welt bewegen

Rollen, die die Welt bewegen

Im Schatten des Internethandels ist der Fördertechnikhersteller Interroll zum weltweit gefragten Anbieter geworden. Seine Stärke sind robuste und feingesteuerte Systeme - mittlerweile auch jenseits der Versandbranche.

Solarenergie: Sonne liefert Deutschland so viel Strom wie 20 AKWs

Sonne liefert Deutschland so viel Strom wie 20 AKWs

Energiewende und sommerliches Wetter machen es möglich: Deutschland hat eine neue Spitzenleistung bei der Sonnenenergie erreicht. Die Solaranlagen im Bundesgebiet produzierten am Freitagmittag rund 20.000 Megawatt Strom.

Übersee-Stahlwerke: Thyssen-Krupps US-Tochter schwächelt

Thyssen-Krupps US-Tochter schwächelt

Thyssen-Krupps US-Stahltochter schreibt rote Zahlen - und das scheint sich auch in Zukunft nicht zu ändern. Vorstandschef Heisinger glaubt kaum an Besserung, die Entwicklung hänge vor allem von den Stahlpreisen ab.

  • Video

Global 3000 Die Fischer von Limbé

Für die Fischer an Kameruns Küsten werden die Aussichten immer schlechter. Es gibt immer weniger Fische, ausländische Trawler haben die Gewässer fast leer gefischt. Auch die kleine Stadt Limbé leidet unter der Krise.

  • Business-Lounge
Business-Lounge: Die großen Auftritte der Entscheider

Die großen Auftritte der Entscheider

Premieren, Feste, Symposien oder Jubiläen – es gibt viele Anlässe, bei denen die Größen aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft im Mittelpunkt stehen. Verfolgen Sie die Auftritte in Bildern.

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DEUTSCHLANDS ANZEIGENPORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Verkaufsangebote Verkaufsgesuche




 

.