Analyse
Henkel braucht den frischen Wind des neuen Chefs

Besser hoch abräumen als tiefstapeln. Das wünschen sich so manche Analysten. Im Fall von Ulrich Lehner blieb dieser Wunsch stets ein frommer. In seiner achtjährigen Amtszeit als Chef des Düsseldorfer Konsumgüterkonzerns Henkel hat er sich nie zu weit aus dem Fenster gelehnt. Das ist nicht nur positiv.

Bei dem familiendominierten Unternehmen steht die Firma im Vordergrund. Mit vorsichtigen Geschäftsprognosen wollte Lehner stets den Eindruck erwecken, dass bei Henkel Zurückhaltung und Bescheidenheit hoch im Kurs stehen. Doch manche Marktbeobachter frustrierte Lehners Mutlosigkeit. Auch sein Hinweis, das Unternehmen neige dazu, mehr abzuliefern als zuvor versprochen, hat die Analysten nicht überzeugt.

Im Gegenteil. Den Markt mit unnötig niedrigen Prognosen zu verunsichern, ist gefährlich. Der Henkel-Kurs leidet und hat sich mit jetzt knapp 29 Euro auf das Niveau von Juni 2006 zurückentwickelt.

Die Irritationen im Markt haben drei Ursachen. Erstens: Henkel liefert eben nicht grundsätzlich mehr als versprochen. Für 2008 hatte der Konzern zunächst eine Marge vor Steuern und Zinsen bezogen auf den Umsatz von zwölf Prozent vorgegeben. Erreichen werden die Düsseldorfer dieses Ziel nicht. Dass deshalb nun 3000 der weltweit 50 000 Mitarbeiter ihren Job verlieren sollen, um die Marge doch noch zu erreichen, beruhigt nicht unbedingt.

Zweitens: Lange war nicht deutlich, wie Henkel das teuerste Geschäft seiner Geschichte, nämlich den Kauf der ICI-Tochter National Starch, der im April stattfindet, finanzieren würde. Vier Milliarden Euro ist Waschmittelhersteller bereit zu zahlen – dabei macht National Starch nur zwei Milliarden Euro Umsatz. Endlich gab Lehner jetzt bekannt, dass Henkel zur Finanzierung neben einer Bonds-Emission von mindestens einer Milliarde Euro seine Beteiligung an dem US-Reinigungsexperten Ecolab ganz oder teilweise verkaufen will.

Doch die Bedenken bleiben. Wird es Henkel gelingen, die Fusion mit National Starch erfolgreich über die Bühne zu bringen? Wie viele Stellen werden fusionsbedingt verloren gehen? Über die Vorgehensweise hat das Unternehmen bisher keinerlei Auskunft erteilt.

Drittens: Ob das neue Management den Mut haben wird, offener und forscher das Unternehmen zu führen, ist fraglich. Aber sehr zu hoffen. Lehner wird Ende April altersbedingt Henkel als Vorstand verlassen. Sein Nachfolger, der Däne Kasper Rorsted, steht seit über einem Jahr bereit und ist eingearbeitet. Der Respekt vor den Familientraditionen des Unternehmens wird ihn von einem radikalen Kurswechsel abhalten.

Rorsted allerdings bringt nicht wie Lehner einen Stallgeruch von über 25 Jahren mit. Er gehört zu einer neuen Henkel-Generation, die sich von Grund auf international versteht und auch Quereinsteiger ins Top-Management holt, um für frischen Wind zu sorgen. So übernimmt Ex-Vodafone-Manager Thomas Geitner als Branchenfremder die Klebstoffsparte, die größte des Konzerns. Eine Schonfrist wird der ungeduldige Kapitalmarkt dem neuen Personal aber nicht gönnen.

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