Angst vor Aktivisten
Dow Chemical evakuiert Büros

Ein Leck, 15 000 Tote: Der Giftgas-Unfall des amerikanischen Chemiekonzerns Dow Chemical im indischen Bhopal gilt bis heute schlimmster Chemieunfall der Geschichte und erregt den Protest von Umweltaktivisten. Mit kreativem Protest wollte nun ein Künstlerduo auf den verdrängten Skandal hinweisen. Die Aktion scheiterte: Der Gegner war längst geflohen.

DÜSSELDORF. Ratlos wirken Andy Bichlbaum und Mike Bonanno. Sie standen am Montag vor einem beigen Bürokomplex in Staines nahe London. Es ist die Europa-Zentrale von Dow Chemical. Sie ist leer. Geräumt. Für einen Tag. Der Gegner ist geflohen.

Besser bekannt sind Bichlbaum und Bonanno – beides Künstlernamen – als Yes Men: eine Aktivistengruppe, die mit kreativen Clownereien Kapitalismuskritik übt. Am Montag wollten sie die Dow-Mitarbeiter mit einem besonderen Wasser versorgen: Das in hübsch designte Flaschen abgefüllt „B’Eau Pal“. Klingt wie „Bhopal“ – und das soll es, denn aus der indischen Stadt stammt es.

Vor 25 Jahren entwich dort durch ein Leck in der Fabrik des Chemiekonzerns Union Carbide giftiges Gas. Der US-Kongress schätzt, dass 15 000 Menschen bis heute an den Folgen starben – es war der wohl schlimmste Chemieunfall in der Geschichte der Branche. Union Carbide wurde zu 470 Mio. Dollar Strafe verurteilt und sieht seine Schuld abgebüßt. 2001 übernahm Dow den Konzern – und teilt dessen Meinung. Man habe tiefe Sympathie für die Opfer von Bhopal, schrieb Dow auf Anfrage des Handelsblatts. Proteste aber seien „fehlgeleitet“.

Diese Haltung ärgert Umweltaktivisten weltweit. Allen voran die Yes Men. Sie versetzten Dow 2004 bereits einen Schlag. Bichlbaum schaffte es, sich gegenüber der BBC als Dow-Sprecher auszugeben. Und so verkündete er in einem Live-Interview, der Konzern übernehme die Verantwortung für Bhopal und zahle zwölf Mrd. Dollar Entschädigung – sofort krachte der Kurs nach unten.

„Wir sind nicht gefährlich, wir wollen nur Aufmerksamkeit erregen“, sagte Bichlbaum dem Handelsblatt einmal. Das schaffen sie immer wieder. Zuletzt im November 2008, als sie in New York tausende gefälschte Ausgaben der „New York Times“ mit ausschließlich positiven Nachrichten verteilten. Dann wieder forderten sie als angebliche Vertreter der Welthandelsorganisation WTO die Wiedereinführung der Sklaverei. Ein Dokumentarfilm über die Yes Men läuft in diesem Sommer an.

Und nun „B’Eau-Pal“. Wasser aus Bhopal in hübsch verpackten Flaschen. Auch als Kritik an Dow-Chef Andrew Liveris, der jüngst sauberes Wasser weltweit zu einem Unternehmensziel erklärte. Yes-Men Bonanno meint: „Da Liveris vergangenes Jahr 16 Mio. Dollar verdiente, könnte er jedem Kind, das weltweit an Wassermangel stirbt, täglich zehn Dollar geben, damit es sich Evian, Fiji Water oder Perrier kaufen kann. Oder er könnte für wesentlich weniger Geld Wasser-Pipelines für sie bauen, wie die, die Bhopal dringend bräuchte.“

Das hätte er gerne einem Konzernvertreter in Staines gesagt. Unmöglich: Dow hatte seine Europazentrale komplett evakuiert – das Unternehmen hatte Wind davon bekommen, dass die Yes Men anrückten.

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
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