Arzneimittel
Pharmakonzerne suchen neue Märkte

Die Pharmabranche verlagert zusehends die Zielrichtung ihrer geografischen Expansion. Nachdem die Konzerne fast zwei Jahrzehnte lang alle Energie auf das US-Geschäft konzentriert haben, richtet sich der Blick nun auf die Entwicklungs- und Schwellenländer. Doch die Expansionspläne sind mit einigen Herausforderungen verbunden.

FRANKFURT. Das gelobte Land der Pharmakonzerne, so scheint es, liegt heute nicht mehr westlich von New Jersey, sondern in den Regionen um Rio de Janeiro, Moskau und Peking. "Es leben sechs Milliarden Menschen auf dem Planeten, die einmal unsere Kunden werden können", formuliert Sanofi-Aventis-Chef Cris Viehbacher die Idee hinter den neuen Strategien. Aber weniger als ein Fünftel dieser Menschen leben in den hoch industrialisierten Staaten in Europa und Nordamerika, wo die etablierten Pharmakonzerne mehr als drei Viertel ihrer Erlöse erzielen.

Die grundsätzlichen Überlegungen führen inzwischen zu konkreten Transaktionen: Sanofi-Aventis etwa hat in den vergangenen Monaten Unternehmen in Mexiko und Brasilien gekauft. Die britische Glaxo-Smithkline erwarb jüngst Rechte an mehr als 100 Produkten der indischen Pharmafirma Dr. Reddy?s, die die Briten künftig in Afrika, Südamerika und Asien vermarkten wollen. Zuvor hatte Glaxo bereits mehr als 400 Mio. Dollar in einen Anteil an der südafrikanischen Firma Aspen investiert sowie in Produktrechte von UCB für Afrika und den Nahen Osten. Der US-Konzern Pfizer sicherte sich Produktlizenzen der indischen Hersteller Aurobindo und Claris. Damit will Pfizer unter anderem in den aufstrebenden Märkten in Asien, Afrika und Südamerika präsenter werden.

Der Sinneswandel folgt den drastisch veränderten Wachstumsperspektiven. Patentabläufe, wachsende Generikakonkurrenz und der Druck von Krankenkassen in Richtung preiswertere Arzneimittel lassen auf den westlichen Märkten kaum noch Umsatzsteigerungen zu. Der US-Markt dürfte 2009 erstmals seit Jahrzehnten schrumpfen. Demgegenüber prognostizieren Branchenbeobachter für Asien und Südamerika eine weiter kräftig steigende Nachfrage nach Medikamenten. Denn mit wachsenden Wohlstand haben sich hier die Bedingungen für das Pharmageschäft stark verbessert.

Experten von IMS Health, dem führenden Marktforscher im Pharmabereich, gehen davon aus, dass die sieben wichtigsten aufstrebenden Pharmamärkte (siehe Tabelle) in den nächsten Jahren überwiegend zweistellig zulegen. Die Pharmaumsätze in diesen Ländern könnten sich damit von zuletzt rund 91 Mrd. Dollar auf bis zu 185 Mrd. Dollar im Jahr 2013 verdoppeln und werden damit mehr als dreimal so stark wachsen wie der Rest des Marktes.

Derzeit repräsentieren diese sieben Länder etwa zwölf Prozent des globalen weltweiten Pharmamarktes von rund 750 Mrd. Dollar. Dagegen dürfte bei den meisten großen Pharmaherstellern der Umsatzanteil der Märkte deutlich geringer sein. Im Schnitt erzielen die großen Pharma-Konzerne noch fast vier Fünftel ihrer Umsätze in Europa und den USA. Vom Rest entfällt ein erheblicher Teil auf das Geschäft in Kanada, Australien und auf Japan, den derzeit zweitgrößten Pharmamarkt der Welt. Die Entwicklungs- und Schwellenländer spielen dagegen meist nur eine ganz untergeordnete Rolle, was Umsatz und Ergebnisbeiträge angeht.

Die nun gestarteten Expansionspläne in der "zweiten Welt" sind allerdings auch mit einigen Herausforderungen verbunden. So müssen sich die Pharmakonzerne auf regulatorische Rahmenbedingungen einstellen, die noch heterogener sind als im Westen. Zum anderen passen die bisherigen Produktsortimente, die stark auf patentgeschützte Blockbuster-Medikamente ausgerichtet sind, nur bedingt zu den medizinischen Bedürfnissen und zur Zahlungsfähigkeit dieser Länder. "Pharmafirmen benötigen in diesen Regionen ein breiteres Programm an älteren und preiswerteren Medikamenten", sagt der Branchenexperte Thimo Sommerfeld von der Beratungsfirma Abolon. Dazu gehören etwa klassische Arzneien wie Antibiotika, Schmerzmittel und einfache Bluthochdruckmedikamente.

Das neu erwachte Interesse am Geschäft mit patentfreien Nachahmer-Medikamenten (Generika) steht daher in einem engen Zusammenhang mit den "Emerging-Market"-Strategien. Die Pharmariesen sind in diesen Regionen auch auf Billigprodukte angewiesen. Es dürfte damit schwierig werden, in den neuen Wachstumsmärkten die alten Renditen zu erwirtschaften.

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