Industrie

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Atom-Angst: Ökostrom wird zum großen Renner

Ökostrom wird immer beliebter: Das Atom-Drama in Japan hat den ohnehin klaren Trend zu grünem Strom noch einmal deutlich verstärkt. Derweil steigt der Strompreis auf neue Höchststände.

Der Strompreis dürfte kräftig steigen - aber Ökostrom muss dabei nicht teurer sein. Quelle: dpa
Der Strompreis dürfte kräftig steigen - aber Ökostrom muss dabei nicht teurer sein. Quelle: dpa

DüsseldorfNur gucken, nicht anfassen – das ist im Fußball ein witzig gemeinter Spruch für Vereine wie FC Schalke 04 oder Bayer Leverkusen, die immer wieder knapp vor dem Erreichen der Meisterschaft abgefangen wurden.

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Nur gucken, nicht abschließen gilt aber auch für viele Stromkunden in Deutschland. Seit dem Drama um die japanischen Atomkraftwerke interessieren sich noch mehr Deutsche für den sogenannten Ökostrom. „Allein seit Freitag verzeichnen wir einen Anstieg um zehn Prozent“, sagt ein Sprecher des Verbraucherportals Verivox.de.

Inzwischen würden 75 Prozent der Stromkunden, die sich bei Verivox informieren, nach Ökostrom erkundigen. 2009 lag dieser Wert noch bei 25 Prozent. Die Fachleute sehen einen klaren Trend: „Schon während der Diskussion um die Laufzeitverlängerung wollten immer mehr Kunden weg vom herkömmlichen produzierten Strom“, so ein Verivox-Fachmann.

Doch bei dem Verbraucherportal wird auch eben eines deutlich: Interessenten sind noch lange keine Kunden. Denn laut Verivox schließen 25 Prozent der Nutzer einen Vertrag bei einem Ökostrom-Anbeiter ab – sprich nur jeder Dritte, der sich für den „sauberen“ Strom interessiert.

Derweil stieg der Strompreis an der Leipziger Börse EEX wegen der geplanten Abschaltung sieben deutscher Atomkraftwerke weiter deutlich gestiegen. Der Future zur Lieferung von Strom in einem Jahr stieg um knapp drei Prozent auf 59,80 Euro je Megawattstunde und lag damit auf dem Niveau vom November 2008. Der liquidere, außerbörslich gehandelte Kontrakt notierte mit bis zu 59,70 Euro auf einem Achtzehneinhalb-Monats-Hoch. Am französischen Graumarkt übersprang der Kurs die Marke von 60 Euro. Dies müsse aber nicht zwangsläufig komplett auf die Verbraucher umgelegt werden, sagte ein Sprecher des Verbraucherportals Verivox.de.

Dabei muss Ökostrom keineswegs teurer sein als herkömmlicher. Es gäbe viele Preisangebote, die unter dem Grundversorgungstarif liegen. Allerdings gibt es bei dem Wechsel reichlich zu bedenken:

Antworten auf die wichtigsten Fragen:

  • Wo kommt unser Strom her?

    Normaler Strom (auch Graustrom genannt) wird in der Regel in Kraftwerken aus Kohle, Öl oder Atomenergie produziert. Dabei fällt entweder das Klimagas Kohlendioxid (CO2) an oder es entsteht radioaktiver Müll. Ein Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.000 Kilowattstunden ist im Schnitt für den Ausstoß von 1,5 Tonnen CO2 und die Entstehung von 8,1 Gramm radioaktiven Abfalls verantwortlich, wie die Stiftung Warentest ausgerechnet hat. Grüner Strom nutzt die Kraft des Wasser oder des Winds, die Energie der Sonne oder Wärme aus der Erde. Andere Anlagen verbrennen Biomasse oder Müll. Gänzlich ohne Umweltbelastung kommt aber auch die Produktion von Ökostrom nicht aus.

  • Wie kann man Ökostrom erkennen?

    Gar nicht. Wer grünen Strom bestellt, bekommt den gleichen Saft wie der Nachbar, der konventionellen Strom bezieht. Der Kunde kriegt also nicht Ökostrom pur aus der Steckdose, sondern immer einen Mix.

    Denn: Alle Stromanbieter speisen ihre Elektrizität in das gleiche Netz ein, wie in ein Meer. Daraus werden die Haushalte dann gleichermaßen beliefert. Damit kriegen eigentlich alle auch ein bisschen Ökostrom ins Haus geliefert. Im momentanen Strommix sind gut 18 Prozent Ökostrom enthalten. Je mehr Kunden nun grünen Strom kaufen, desto stärker steigt der Ökoanteil im gesamten Netz.

  • Was macht Ökostrom aus?

    Nur der Strom darf als Ökostrom eingestuft werden, der wenigstens zu 50 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt. Viele Energieversorger bieten grünen Strom in verschiedenen „Reinheitsgraden“ an, als reine Version zu 100 Prozent oder zum Beispiel zu 50 oder 75 Prozent. Der Rest muss aus Anlagen mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) stammen, die als umweltschonend gelten, weil dabei Strom und Wärme gleichzeitig erzeugt und genutzt werden.

  • Welche Ökostrom-Modelle gibt es?

    Ökostrom ist ein ungeschützter Begriff, das Etikett sagt noch nichts über den Reinheitsgrad aus. Nachhaken ist wichtig. Neben kleineren Firmen wie etwa Naturstrom AG, Greenpeace Energie, Lichtblick oder die Elektrizitätswerke Schönau bieten auch die großen Energiekonzerne grüne Tarife an. Wer es ernst meint mit der Umwelt sollte aber nur einen Anbieter auswählen, der in den Bau von neuen Ökostromanlagen investiert. „Das ist letztlich das entscheidende Kriterium“, sagt Müller.

  • Bringen Gütesiegel Sicherheit?

    Nur zum Teil. Gütesiegel werden von unterschiedlichen Vereinen und Organsiationen mit verschieden strengen Anforderungen vergeben.

    „Ein wahrer Dschungel“, sagt Hans Weinreuter, Energieexperte der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Nach Ansicht der Verbraucherschützer ist nur auf das „ok-Power“-Label, das „Grüner Strom“-Siegel oder die Auszeichnung des Ökoinstituts Freiburg sowie auf einige TÜV-Zertifikate wirklich Verlass, nicht aber beispielsweise auf RECS-Siegel.

  • Ist Öko-Strom teuer?

    Wer zu einem „echten“ Grünstrom-Anbieter wechselt, wird monatlich ein wenig tiefer dafür in die Tasche greifen müssen. Wer noch im kostspieligen Grundversorgungstarif steckt, kann aber sogar Geld sparen, je nach Region. Der günstigste verfügbare Ökostromtarif mit Gütesiegel und monatlicher Abschlagszahlung kostet dem Vergleichsportal Verivox zufolge derzeit für einen Musterhaushalt 826 Euro, etwa 200 Euro weniger als im Grundversorgungstarif.

    Bei Überlegungen zum Ökostrom gilt: Am saubersten ist und bleibt es, den Verbrauch zu senken.

  • 20.03.2011, 17:32 UhrIntruder

    Ja mit der Angst lässt sich offensichtlich alles machen ,
    besonders in Deutschland, einem Volk der Weicheier und Angsthasen.

  • 17.03.2011, 12:49 UhrEwers

    ja, das können wir bestätigen.

    Die Anfragen auf unseren Ökostrom Bereich (http://www.stromauskunft.de/de/html/oekostrom.html) haben sich seit den schlimmen Ereignissen in Japan vervielfacht (ca. 10 Mal so viel Anfragen wie vor der Katastrophe). Der Anteil der abgeschlossenen Ökostromtarife liegt seitdem bei rund 75%, d.h. 3 von 4 abgeschlossenen Verträgen sind Ökostromtarife.

  • 17.03.2011, 12:26 Uhrheart54

    Ich staune darüber, dass es Otto Normalverbraucher offenbar völlig egal ist, dass in einem weiteren Tempel des Kapitalismus der durch eine Naturkatastrophe beschleunigte GAU in einem japanischen Atomkraftwerk offenbar von rücksichtslosen Geldgeiern dazu benutzt wird, mit dem notwendigen Bedarf der Menschen an elektrischer Energie unverschämt Profite zu machen. Die Stromversorgung muss endlich vergesellschaftet und demokratisch kontrolliert werden.

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