Atomenergie Die Renaissance der Atomkraft

Seit der Katastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 war lange nur vom Ausstieg die Rede, doch seit Energiekrise und Klimawandel auf die Agenda rücken, werden weltweit wieder Atomkraftwerke gebaut. Doch nach den langen Jahre der Flaute gibt es inzwischen zu wenig Anbieter, um den planmäßigen Bau garantieren können.
Atomkraft auf dem Vormarsch: Weltweit werden neue Reaktoren gebaut. Quelle: Reuters

Atomkraft auf dem Vormarsch: Weltweit werden neue Reaktoren gebaut.

(Foto: Reuters)

DÜSSELDORF. Die Klimadebatte um die Minderung des Kohlendioxid-Ausstoßes und der weltweit steigende Energiebedarf haben den Neubau von Atommeilern wieder hoffähig gemacht. Nach einer Pause von fast 20 Jahren, in denen in Europa der Neubau von Atomkraftwerken praktisch tabu war, hat sich die Diskussion gründlich gewandelt.

In Europa machte Finnland den Vorreiter, als es 2002 einen Reaktor in Auftrag gab, an dem immer noch gebaut wird. Derzeit sind nach Angaben der Fachzeitschrift ATW Atomwirtschaft weltweit 42 Kernkraftwerksblöcke im Bau; vor einem halben Jahr waren es erst 33. Zahlreiche neue Atommeiler sind in der Planung oder in Vorgesprächen.

Gebaut wird hauptsächlich in Asien. Allein in China sind zehn Atomblöcke im Bau, in Russland sieben und in Indien sechs. Geplant sind weltweit sogar 80 neue Kernkraftwerksblöcke. Russland will seine installierte Kernkraftleistung bis zum Jahr 2020 verdoppeln und 26 Kernkraftwerksblöcke bauen, um mehr Gas und Öl exportieren zu können.

Für die Industrie endet damit eine Flaute von 20 Jahren. Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 wurde praktisch kein neues Kernkraftwerk mehr gebaut. Waren auf dem Höhepunkt des Booms im Jahr 1980 noch rund 200 Meiler gleichzeitig weltweit in Bau, schrumpfte die Zahl nach dem Unfall in der Ukraine drastisch. In Westeuropa sowie Nordamerika baute nur noch Großbritannien einen und Frankreich vier neue Reaktoren. Kernenergie galt nicht mehr als Zukunftstechnologie und war politisch nicht mehr durchsetzbar.

Die Industrie legte den Bau von Kernkraftwerken zu den Akten, Unternehmen wie ABB, AEG und auch Siemens stiegen aus der Technologie aus. Allerdings liefen die bestehenden weltweit rund 430 Kernkraftwerke weiter. Völlig ausgestiegen aus der nuklearen Stromerzeugung ist nur Italien nach einer Volksabstimmung im Jahre 1987 – gestern unterzeicheten allerdings die Staatschefs Silvio Berlusconi und Nicolas Sarkozy ein Abkommen über die Zusammenarbeit beider Länder in der Atomenergie, spätestens 2020 soll auch in Italien wieder ein Atomkraftwerk ans Netz gehen.

Die jahrelange Auftragsflaute hat die Zahl der weltweit anbietenden Anlagenbauer für Atomkraftwerke stark schrumpfen lassen. Die jetzt einsetzende Auftragsflut können sie nur mühsam bewältigen. Es fehlt an erfahrenen Ingenieuren und an Kapazitäten in der Industrie. Der wichtigste Flaschenhals ist nach Aussage von Christopher Wesselmann, Chefredakteur von ATW, die Herstellung der größten Schmiedeteile für Reaktordruckbehälter. Einziger Hersteller ist weltweit Japan Steel Works. Die Japaner schaffen aber nur etwa vier Bausätze pro Jahr. Die Folge sind jahrelange Wartezeiten für dieses Schlüsselteil der Atommeiler.

Außerdem hat die Knappheit die Preise in die Höhe schießen lassen. Vor allem Stahl und Beton sind in den vergangenen Jahren wesentlich teurer geworden. Der US-Nuklearbetreiber FPL Group, der in Florida zwei Reaktoren bauen will, gab vor einiger Zeit die Kosten für sein Projekt mit sechs bis neun Mrd. Dollar an. Zwischen 1966 und 1986 lagen die Kosten für ein Nuklearkraftwerk im Durchschnitt bei drei Mrd. Dollar.

Die staatliche französische Areva hat weltweit die meisten Kernkraftwerke gebaut, vor allem in Europa. Der Konzern versucht derzeit aber auch stark, in Asien ins Geschäft zu kommen. Die Belegschaft wurde wieder kräftig erhöht. Allein in Deutschland hat Areva im vergangenen Jahr 700 Personen eingestellt – nach 580 im Jahr davor und beschäftigt damit in Deutschland rund 8 000 Menschen. Areva baut derzeit drei Atommeiler und verhandelt mit Indien über den Bau von sechs Kernkraftwerken. Allerdings haben die Franzosen große Schwierigkeiten mit dem Bau des Reaktors in Finnland und mussten mehrmals Rückstellungen bilden, was die Reaktorsparte in die roten Zahlen trieb. Durch die anstehende Trennung von Siemens kommt Areva in eine Zwickmühle, da sie keine Turbinen oder Generatoren im Programm haben. Und die Beziehungen zum möglichen nationalen Partner Alstom stehen nicht zum besten.

Der US-Anbieter Westinghouse gehört seit 2006 mehrheitlich zu Toshiba, doch treten beide Unternehmen auf dem Markt getrennt auf und bieten unterschiedliche Reaktortypen an. Westinghouse profitiert von seiner auf dem US-Markt eingeführten Technologie und ist derzeit in den USA mit 14 Aufträgen im Rennen. Außerdem kann das Unternehmen rund 30 000 Spezialisten aufbieten, da das Ingenieur-Unternehmen Shaw-Group mit 20 Prozent an Westinghouse beteiligt ist.

Toshiba hat wie die beiden anderen japanischen Konzerne Hitachi und Mitsubishi in den vergangenen Jahren kontinuierlich in Asien Kernkraftwerke gebaut, allerdings auf recht kleiner Flamme.

Der US-Konzern General Electric hat sein Nukleargeschäft in eine gemeinsame Gesellschaft mit Hitachi eingebracht, an der GE 60 Prozent hält. Allerdings baut General Electric derzeit nur einen Reaktor in Taiwan, und das seit rund 15 Jahren, während der Partner Hitachi einen Atommeiler in Japan errichtet.

Neu auf dem internationalen Markt für Kernkraftwerke ist die russische Industrie. Russland hat immer Atommeiler für den eigenen Energiebedarf gebaut, aber nun soll der Export angekurbelt werden. Dazu wurde der Nuklearbereich umstrukturiert. Innerhalb der staatlichen Holding Atomenergoprom, immerhin eine Gesellschaft mit über sechs Mrd. Dollar Umsatz und knapp 180 000 Beschäftigten, ist die Gesellschaft Atomstroyexport für den Bau von Kernkraftwerken im Ausland zuständig. Die russische Exportgesellschaft hat im vergangenen Jahr eine Kooperation mit Toshiba abgeschlossen. Atomstroyexport baut derzeit einen Atommeiler im Iran und zwei Atomblöcke in Bulgarien, wobei Siemens die Leittechnik zuliefert. Diese Leittechnik ist für Experten das entscheidende Kriterium, ob die Russen auf dem Exportmarkt Chancen haben. Deshalb wird der möglichen Kooperation mit Siemens auch große Chancen eingeräumt, denn die Leittechnik ist eine der Stärken des Münchener Konzerns.

Die wichtigsten Neuigkeiten jeden Morgen in Ihrem Posteingang.
Startseite
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%