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30.06.2008 
Renaissance der Kernkraft

Atomindustrie erwartet neuen Boom

von Matthias Eberle, Wolfgang Gillmann und Finn Mayer-Kuckuk

Die Signale aus der Politik sind deutlich. Rund um die Welt wollen Regierungschefs wieder Atomkraftwerke bauen. Alles deutet auf einen Auftragsboom hin. Ist die Atomindustrie der steigenden Nachfrage gewachsen?

Das hessische Kernkraftwerk Biblis: Weltweit wächst die Nachfrage nach neuen Meilern. Foto: APLupe

Das hessische Kernkraftwerk Biblis: Weltweit wächst die Nachfrage nach neuen Meilern. Foto: AP

NEW YORK/DÜSSELDORF/TOKIO. Die Äußerungen des US-Präsidentschaftskandidaten müssen in den Ohren der Industrie wie Musik klingen: Bis zum Jahr 2030 will der Republikaner John McCain landesweit 45 neue Kernkraftwerke bauen lassen, falls er der nächste Präsident der USA wird. Ultimatives Ziel seien sogar 100 neue Reaktoren. Auch andere Länder wie Großbritannien planen wieder neue Kernkraftwerke. Beide Fälle zeigen: Begünstigt durch die CO2-Debatte bahnt sich ein Umschwung für die Atomindustrie an.

Doch die Frage lautet: Können Anlagenbauer einen solch starken Bedarf überhaupt stemmen? Schließlich ist die Industrie in den dürren zurückliegenden Jahren angesichts schwacher Nachfrage geschrumpft. Waren im Höhepunkt des Atombooms im Jahr 1980 rund 200 Kernkraftwerke gleichzeitig weltweit in Bau, so sind es derzeit nach Angaben des Fachmagazins ATW 33 - davon lediglich eines in Frankreich und eines in Finnland, es sind die ersten Neubauten seit Tschernobyl.

Bereits bei dieser geringen Zahl zeigt sich, dass die Anlagenbauer Probleme haben, die Projekte rechtzeitig und im Rahmen der geplanten Kosten zu realisieren. Der Reaktor in Finnland wird erst 2011 mit zwei Jahren Verspätung fertig. Auch beim Kernkraftwerk Flamanville in Nordfrankreich gibt es Verzögerungen.

Nach der jahrelangen Auftragsflaute ist die Zahl der weltweit anbietenden Anlagenbauer für Atomkraftwerke stark geschrumpft. In Europa dominiert die französische Areva, in den USA ist noch General Electric als unabhängiger Anbieter übrig geblieben neben der viel kleineren AECL in Kanada. In Japan bieten die Mischkonzerne Toshiba, Hitachi und Mitsubishi Kernreaktoren an.

Lediglich der 2007 geschaffene russische Staatskonzern Rosenergoatom ist neu auf dem Markt. Andere Anbieter wie AEG und ABB haben die Segel gestrichen oder sind bei der Konkurrenz untergekommen. Siemens hat sich als Anbieter von Nukleartechnik verabschiedet, hält aber eine Beteiligung von 34 Prozent an Areva und liefert weiter Turbinen, Generatoren und Leittechnik für den nicht-nuklearen Teil der Kernkraftwerke. Der US-Pionier Westinghouse wurde von Toshiba übernommen. General Electric ist mit Hitachi eine Verbindung eingegangen. In China, Indien und Korea baut die nationale Industrie.

John Krenicki, Chef der Energiesparte von GE, ist jedoch optimistisch, dass die Anlagenbauer die von McCain propagierte Auftragsflut bewältigen könnten. "Es wäre eine große Herausforderung für die Industrie, doch es wäre machbar", sagte er dem Handelsblatt. "Wir haben keine Verspätungen. Durch unsere Partnerschaft mit Hitachi sind wir sehr gut aufgestellt."

Auch wenn Krenicki betont, dass GE bisher keine Probleme mit der Abwicklung der Aufträge habe, stöhnt er doch wie die gesamte Branche über die Kostensteigerungen. Die Preise hätten sich in wenigen Jahren verdoppelt, heißt es. Wie im gesamten Anlagenbau sind auch hier die Zulieferer extrem ausgelastet und liefern entweder später oder mit kräftigen Preisaufschlägen.

Der US FPL Group, -Nuklearbetreiber der in Florida zwei neue Reaktoren bauen will, schätzt die Kosten für dieses Projekt auf sechs bis neun Mrd. Dollar. Nach Angaben des US-Kongresses betrugen die durchschnittlichen Kosten für ein zwischen 1966 und 1986 gebautes Kraftwerk nur drei Mrd. Dollar.

Areva hat wegen der Verzögerungen beim Bau des Reaktors in Finnland mehrmals Rückstellungen gebildet. Die Reaktor-Sparte des französischen Konzerns fuhr im vorigen Jahr einen operativen Verlust von 178 Mill. Euro bei einem Umsatz von 2,7 Mrd. Euro ein. Siemens hatte im Frühjahr Belastungen von 600 Mill. Euro aus dem Kraftwerksgeschäft eingeräumt. "Die Bauzeit von fünf Jahren in Finnland war ein sehr ambitionierter Zeitplan", sagt ein Siemens-Sprecher. Es habe sehr hohe Sicherheitsanforderungen und eine umfangreiche Dokumentation gegeben. Für das Projekt war ein Festpreis von drei Mrd. Euro festgeschrieben worden.

Um nicht in größere Schwierigkeiten zu kommen, erweitern die Hersteller ihre Kapazitäten. Areva hat im vergangenen Jahr 11 500 neue Mitarbeiter eingestellt, denn nach der Unterzeichnung von zwei Aufträgen für Atomkraftwerke in China soll im nächsten Jahr der Baubeginn erfolgen.

Die drei großen japanischen Anbieter nehmen derzeit viel Geld in die Hand, um sich auf den absehbaren Bedarf einzustellen. "Ich sehe sie auf die kommende Entwicklung gut vorbereitet", sagt ein Analyst in Japan. Die drei großen Spieler Hitachi, Mitsubishi und Toshiba werden Branchenschätzungen zufolge in den kommenden drei Jahren zusammen mindestens 720 Mill. Euro investieren, zweimal mehr als in den vergangenen drei Jahren. Experten halten das für ausreichend, um konkurrenzfähig zu sein.

Mitsubishi hat im Mai Pläne für die Erweiterung zweier Werke für Kernkraftwerksteile vorgestellt. Insgesamt verdoppelt sich so die Herstellungskapazität für Turbinen und Abschirmungsausrüstung. Kosten in den kommenden drei Jahren: 300 Mill. Euro. Das japanische Unternehmen will zudem rund 1 000 Leute einstellen, um die vorhandenen 4 500 Mitarbeiter der Kernkraftsparte zu verstärken.

Hitachi gibt 120 Mill. Euro für die Erweiterung von Anlagen zur Herstellung von Turbinen aus. Hitachi hat bisher fünf US-Aufträge in den Büchern stehen, Mitsubishi bisher nur zwei.

Toshiba profitiert von der Übernahme der Branchengröße Westinghouse. In den USA hat Toshiba acht Aufträge so gut wie sicher oder bereits unterschrieben. "Um dem globalen Bedarf gerecht zu werden, müssen wir uns in vielen Bereichen Personal sichern", sagt ein Sprecher. "Wir bemühen uns derzeit, in den wichtigsten Märkten USA, Frankreich und Südafrika große Ingenieurbüros zu übernehmen." Die 2 000 Mitarbeiter starke Truppe im Nukleartechnik-Entwicklungszentrum der Heimatbasis in Japan will Toshiba um gut 1 000 Neueinstellungen aufstocken.

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