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15.07.2008 
Feindlicher Übernahmeversuch durch Schaeffler

Attacke auf Conti nach allen Regeln der Kunst

von Carsten Herz und Hans G. Nagl

Aus dem Nichts überraschend zugeschlagen: Der Angriff der Schaeffler-Gruppe auf Continental ist eine Attacke wie aus dem Lehrbuch. Die Franken agieren taktisch klug. Doch ein Selbstläufer ist die Übernahme des größeren Konkurrenten deshalb noch lange nicht.

Continental ist vor allem durch seine Reifenproduktion bekannt - auch die könnte bald in die Hände der Schaeffler-Gruppe fallen. Foto: dpaLupe

Continental ist vor allem durch seine Reifenproduktion bekannt - auch die könnte bald in die Hände der Schaeffler-Gruppe fallen. Foto: dpa

FRANKFURT. Um 10.41 Uhr am Montagmorgen herrscht Gewissheit. Drei Sätze genügen dem Autozulieferer Conti, um einzuräumen, dass er mitten im Übernahmekampf steckt. "Die Continental AG bestätigt, dass am Ende der vergangenen Woche ein erstes, kurzes Gespräch über ein mögliches Engagement der Schaeffler-Gruppe an Continental stattgefunden hat", heißt es in der knappen Mitteilung. Weitere Gespräche hätten nicht stattgefunden. Das Tauziehen um die womöglich größte Firmenübernahme in diesem Jahr in Deutschland hat begonnen. Der Jäger Conti, der erst 2007 den Konkurrenten VDO übernahm, ist zum Gejagten geworden - und der erste Punkt geht klar an den Angreifer.

Es ist eine Attacke wie aus dem Lehrbuch für feindliche Übernahmen: Seit Wochen hat Schaeffler den Angriff vorbereitet, doch erst Freitag vergangener Woche kontaktieren die Herzogenauracher den wesentlich größeren Konkurrenten und lassen ihn in einem Gespräch wissen, dass man an einem Engagement interessiert sei. Auf lange Verhandlungen hinter den Kulissen lassen sich der Chef der Schaeffler-Gruppe, Jürgen Geißinger, und Unternehmens-Patronin Maria-Elisabeth Schaeffler nicht ein. Erst einen Tag später erfahren die Hannoveraner aus der Zeitung, dass Schaeffler eine Übernahme und die Zerschlagung von Conti plant. Man sei deshalb böse aufgewacht, heißt es in Hannover.

Eine Vorgehensweise, wie sie dem Stil des expansionswilligen Schwaben Geißinger entspricht. Kein langes Fackeln, minimalste Kommunikation und dann aus dem Nichts überraschend zuschlagen. Schon 2001 hat er die Übernahme des börsennotierten Wälzlagerherstellers FAG Kugelfischer auf ähnliche Weise eingefädelt. Auch deren verdutzter Chef Uwe Loos erhielt an einem Freitagabend einen Anruf von Geißinger, wenige Tage später legte Schaeffler bereits das Übernahmeangebot vor.

Knapp sieben Jahre später hat Geißinger wieder das Überraschungsmoment auf seiner Seite. Das Management um Conti-Boss Manfred Wennemer wird vom Vorgehen der Franken überrumpelt. Noch am Montagmorgen sind die Hannoveraner dabei, ihre Verteidigungslinien zu organisieren. Selbst Conti-PR-Leute sind zunächst verunsichert, welche Marschrichtung der Konzern einschlagen soll. Rasch holt sich der Zulieferer Anwälte ins Boot. Wennemer kann dabei auf die Hilfe der renommierten Wirtschaftskanzlei Freshfields bauen, die auch Porsche im Kampf um das VW-Gesetz zu ihren Kunden zählt.

Auch die Investmentbanker gehen in Position. Conti betraut bereits Mitte vergangener Woche vorsichtshalber die US-Investmentbank Goldman Sachs als Defense-Berater, nachdem die ersten Gerüchte über eine Attacke kursieren. Die erfahrenen Übernahmespezialisten sollen Wennemer und seine Vorstände bei ihren nächsten Schritten beraten. Denn es ist wie bei einem hochklassigen Schachspiel: Ein falscher Zug kann in den kommenden Tagen über Erfolg und Misserfolg des Übernahmeangriffs entscheiden. Der gelungene Eröffnungszug von Schaeffler hat Conti bereits in die Defensive getrieben. Aber noch ist Wennemer vom Schachmatt weit entfernt. Einen ersten Punkt kann auch Conti bereits für sich verbuchen. Die einflussreichen Arbeitnehmervertreter der IG Metall schlagen sich auf die Seite von Wennemer, obwohl er unter den Gewerkschaften wenig Sympathien genießt.

Doch auch Schaeffler zieht nicht allein in den Kampf. Die Herzogenauracher haben sich ebenfalls professionelle Unterstützung auf Bankenseite gesichert. So soll Schaeffler mit der Royal Bank of Scotland (RBS) zusammenarbeiten und sich der Dienste von Investmentbankern versichert haben. In der Branche wird über die Namen Merrill Lynch und Deutsche Bank spekuliert. Ersteres wäre nicht ohne Pikanterie: Noch Ende vergangener Woche hatte Merrill Lynch die Einstufung für die Continental-Papiere von "buy" auf "neutral" gesenkt und das Kursziel gesenkt. Ein Schaeffler-Sprecher wollte sich dazu ebenso wie die Banken zunächst nicht äußern.

Doch angeblich hat Merrill Lynch im Auftrag von Schaeffler bereits in großem Umfang Optionen auf Conti erworben, heißt es. Lässt Porsche grüßen? Auch die Stuttgarter haben ihre Übernahme von VW mit Optionen eingefädelt. Investmentbanker glauben, die Attacke auf Conti könnte weitere Interessenten anlocken. Experten sind deshalb sicher, dass Schaeffler mehr als den kolportierten Preis von gut zehn Milliarden Euro für Conti auf den Tisch legen muss. Autoanalyst Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse hält 16 Milliarden Euro für fair. Ein Gewinner des Tauziehens steht damit bereits fest: die Conti-Aktionäre. Die Papiere stiegen gestern in der Spitze bis zu 25 Prozent.

Mitarbeit: Peter Köhler, Christoph Hardt

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