Audi kontra BMW: Duell der Auto-Designer

Audi kontra BMW
Duell der Auto-Designer

Mit markanten Formen wie beim 7er oder dem Roadster Z4 hat BMW ( Bilder vom 5er ) zuletzt die Schlagzeilen beherrscht. Jetzt setzt Audi ( Bilder vom A8 ) zum Gegenangriff an. Mit einem neuen Chefdesigner, der schon Alfa Romeo wiederbelebte, wollen die Ingolstädter den bayerischen Konkurrenten abhängen.

HB MÜNCHEN/INGOLSTADT. Seit über elf Jahren entwirft Chris Bangle Autos für BMW. Wenn der in Ravenna/Ohio geborene Amerikaner redet, streut er immer wieder englische Worte ein, bis ein erstaunliches Sprachgewirr entsteht. Der 46-jährige Designer mit akkurat gestutztem Vollbart redet viel von Zeitgeist, Architektur und wie spannend es ist, wenn man einen neuen Stil entwickelt. „Autos haben viel von Architektur“, sagt der blonde Mann mit den blauen Augen. Frank O’Gehrys geschwungene Fassaden wie beim weltberühmten Guggenheim- Museum in Bilbao beeindrucken ihn – die konsequente Abkehr vom Quadratisch-Praktischen.

Walter Maria de Silva, der neue Chefdesigner bei Audi, hat einen Namen wie sonst nur brasilianische Fußballspieler. Anders als die Ballzauberer vom Zuckerhut braucht der Mailänder Autodesigner aber keinen Künstlernamen wie Pelé, Zico oder Ronaldo. Sein Erfolg rollt auf der Straße. Mit seinen Entwürfen hauchte er der abgehalfterten italienischen Kultmarke Alfa Romeo neues Leben ein. De Silva redet langsam. Die Augen blicken klar durch die feingliedrige Brille, der dunkle Anzug ist standesgemäß für einen Mailänder aus feinem, leichten Zwirn. An diesem Tag soll er vor über 100 Fachjournalisten im Audi-Entwicklungszentrum in Ingolstadt zeigen, wo bei der VW-Tochter mit den drei Marken Audi, Seat und Lamborghini die Reise hingehen soll. Danach ist ganz klar: Rechteckige Formen sollen das Erscheinungsbild von Audi künftig dominieren, runde Formen die Produkte von Seat und das dynamischere flache Dreieck die neuen Sportwagenmodelle.

Ruf des Unverwechselbaren eilt de Silva voraus

De Silvas und Bangles Handschrift kommt entscheidende Bedeutung zu, ob die beiden konkurrierenden Autobauer BMW und Audi in den nächsten Jahren ihre hoch gesteckten Ziele erreichen werden. Der eine, Bangle, steht für das neue, markante Gesicht von BMW. Alles, was jetzt aus dem Hause der Münchener auf die Straße kommt, ist von ihm in leitender Position entwickelt worden. Der andere, de Silva, ist zwar noch neu als Chefdesigner bei Audi, doch auch ihm eilt der Ruf des Unverwechselbaren voraus. Beide stehen mächtig unter Druck. Denn erweisen sich ihre Schöpfungen als Flops, haben beide Unternehmen schwere Zeiten vor sich.

Allein BMW will schon bald 1,4 Millionen Fahrzeuge verkaufen. Heute ist es pro Jahr rund eine Million. Dafür läuft eine milliardenschwere Produktoffensive. Der Geländewagen X5 erhält mit dem X3 einen kleineren Bruder, das 6er-Coupé kommt gegen Jahresende, und mit dem 1er wird BMW erstmals ins Kleinwagensegment vorstoßen. Zudem will die ehemalige Aufsteigermarke Mercedes das Establishment streitig machen.

Die Autos der alten Serie sahen zuletzt ein bisschen aus wie von der gleichen Wurst abgeschnitten, nur unterschiedlich lang. „Wir mussten was Neues wagen“, sagt Bangle. Das ist bereits geschehen: Das Flaggschiff der Bayern, der neue 7er, ist seit knapp 18 Monaten auf dem Markt. Nie zuvor wurde ein Topmodell der erfolgsverwöhnten weißblauen Marke so in der Öffentlichkeit verrissen. Bei einer Leserumfrage des Fachblatts „Auto Motor Sport“ landete der 7er hinter dem neuen A8 von Audi und der alten S-Klasse von Mercedes abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Vor allem am Heck entzündeten sich die Gemüter. VW-Designchef Hartmut Warkuß bezeichnet es als „Haufen unkoordiniertes Blech“. Spontan verliebte sich kaum ein Topmanager in das Gefährt – trotz unbestrittener technischer Brillanz. Eisern setzt die Zentrale im Münchener Vierzylinderhochhaus indes auf den Gewöhnungseffekt. BMW-Chef Hartmut Panke verteidigt das Modell vor allem mit Zahlen. Im ersten Quartal stieg der Absatz des 7er um zehn Prozent.

Erfolg letztendlich wichtiger als die Geschmacksfrage

Vor allem die US-Amerikaner, auf deren Bedürfnis der bullig wirkende Wagen ausgerichtet ist, kaufen das Auto und sorgen für den wirtschaftlichen Erfolg. Und der ist letztendlich wichtiger als die Geschmacksfrage in Deutschland. Das Kalkül von BMW macht durchaus Sinn, denn hier zu Lande geht der Absatz des 7er seit Mitte der 90er-Jahre stetig zurück. Dennoch ist auch Westeuropa für die Luxusklasse immer noch sehr wichtig, weil hier das Image einer Marke gebildet wird.

Das Design des 7er bremst BMW auf alle Fälle in der Oberklasse, meint Autoprofessor Ferdinand Dudenhöffer. BMW werde wie vor Jahren Mercedes mit der überdimensionierten S-Klasse fünf Jahre bis zum nächsten Modell brauchen, um den Fehler auszugleichen. „Wenn Bangle so weiterzeichnet, fährt BMW noch vor die Wand“, geht ein Branchenkenner von der BMW-Konkurrenz noch wesentlich weiter.

Bangle ficht die Kritik nur wenig an: „Der 7er hat eine starke Erscheinung mit Charakter, sonst hätten wir auch ein Auto langweilig wie einen Backstein entwerfen können. Wir sind der Konkurrenz voraus, sie wird sich nach uns richten.“ Inzwischen ist auch der Roadster Z4 auf dem Markt mit vielen geschwungenen und konkaven Formen, die an eine brennende Fackel im Wind erinnern sollen. Anders als der 7er wurde der offene Edelflitzer hoch gelobt und erhielt vom renommierten Automobile Magazine den Designpreis 2003.

Zwischen den beiden Extremen Z4 und 7er soll die gesamte Serie platziert werden. So geschehen mit der neuen 5er-Reihe, die immer häufiger beim Feldversuch auf den Straßen rund um München auftaucht. Vom als „Entenhintern“ kritisierten Heck des 7er ist allenfalls eine Andeutung geblieben.

Druck auf bayerischen Autobauer ist groß

Der ganze Auftritt ist wesentlich dynamischer. Der Druck auf die bayerischen Autobauer ist groß. Der 5er ist für den Erfolg von BMW immens wichtig, sagt Autoanalyst Jochen Gerke vom Bankhaus Julius Bär. Denn erstmals spüren die erfolgsverwöhnten Münchener nach ihren Rekordjahren die schwache Konjunktur, die Marke verlor in den ersten vier Monaten über sieben Prozent. Nur durch das Erfolgsmodell Mini konnte die derzeitige Schwäche kompensiert werden. BMW-Chef Panke will den verlorenen Boden vor allem mit dem neuen 5er ab Juli wieder wettmachen. Die meisten Analysten trauen BMW diesen Kraftakt zu. Der Aktienkurs stieg zuletzt trotz des schwachen Starts.

Bangle ist lange genug Designer. Sein Name steht für das neue Gesicht von BMW, auch wenn er im Gespräch immer von „wir“ redet. Designteams des Konzerns wie in Kalifornien sollen für zündende Ideen sorgen. Der Amerikaner sieht sich mehr als Manager der Kreativ-Abteilung, die technische und wirtschaftliche Vorgaben des Konzerns gestalterisch umsetzt, denn als genialen Zeichner.

Bangle, der früher bei Fiat arbeitete und etwa den Barchetta entwarf, muss über sich selbst lachen, als er erst nach einer Dreiviertelstunde des Gesprächs erstmals an das Flipchart geht. Um seine Erklärungen zu untermalen, braucht er viele Striche, bis eine Form entsteht. „Freiheiten spielen sich im Automobildesign heute im Millimeterbereich ab“, sagt Bangle. In den genau abgestimmten Entscheidungsprozess ist der gesamte BMW-Vorstand eingebunden, bis aus den Varianten von sechs unterschiedlichen Designteams nur noch zwei zur Entscheidung übrig bleiben – Kompromisse sind da programmiert.

Selbst Vorstandschef Panke räumt ein, er habe zunächst beim 7er eine schnittigere Variante favorisiert, sich dann aber von den Vorteilen des gewählten Modells überzeugen lassen. Zur Konkurrenz äußert sich bei BMW niemand, auch nicht Bangle, ganz Fair Play. Nur so viel: „Walter, I know him from Fiat. He is a nice guy.“

Mit Walter meint Bangle seinen Kollegen Walter Maria de Silva, der nun für Audi im 60 Kilometer nördlich gelegenen Ingolstadt arbeitet, was die Münchener beunruhigen könnte. Audi versucht, das Aufsteigerimage, das bislang BMW zugeschrieben wurde, mit immer schnelleren Autos an sich zu reißen. „Wir müssen abspecken und noch sportlicher werden“, formulierte der neue Audi-Chef Martin Winterkorn seine Kampfansage in Richtung München, als er seinen Job vor mehr als einem Jahr antrat.

20 Jahre um piefiges Image abzulegen

Fast 20 Jahre hat Audi gebraucht, um mit Vierradantrieb und Aluvollkarosserie beim A8 das piefige Image vergangener Jahre abzulegen und den Abstand zu Mercedes und BMW zu verringern. Jetzt wollen die Ingolstädter noch mehr. Qualitätsspezialist Winterkorn bekam einen Stardesigner an die Seite, der BMW in den nächsten Jahren noch schwer zu schaffen machen könnte. De Silvas Aufgabe ist es, den vor Kraft strotzenden Modellen die nötige Eleganz beim Großangriff auf den bayerischen Konkurrenten verleihen. Um seine Philosophie zu erklären, braucht de Silva nur wenige Worte und fast noch weniger Striche: Quadrat, Kreis und Dreieck. Was banal und wie aus einer Erstsemestervorlesung an der Fachhochschule für Gestaltung klingt, wird innerhalb nur weniger zusätzlicher Freihandstriche anschaulich und von bemerkenswerter Eleganz. „An jedem Türknopf muss die Marke erkennbar sein“, ist sein Credo.

Aber auch der Italiener weiß, dass er bei Audi nicht so frei arbeiten kann wie vielleicht bei Alfa. Denn Audi hat zuletzt ebenfalls mehrere Rekordjahre in Folge hingelegt und anders als Alfa dadurch auch etwas zu verlieren.

De Silvas Start bei Audi war nicht schlecht. Seine Studie „Nuvolari“ begeisterte die Besucher beim Automobilsalon in Genf. Auch nach der Ernennung zum Designchef sagt der Italiener: „Ich zeichne immer noch gerne.“

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