"Auf zu viele Themen verzettelt"
EnBW will bis 2006 eine Milliarde Euro einsparen

Angesichts von hohen zusätzlichen finanziellen Belastungen will der neue Chef des Karlsruher Stromversorgers Energie Baden-Württemberg (EnBW) den Sparkurs verschärfen und sich von energiefremden Beteiligungen trennen.

Reuters KARLSRUHE. Bis 2006 müsse der viertgrößte deutsche Versorger seine Kosten um eine Milliarde Euro senken, um mit dem Durchschnitt der Branche mithalten zu können, sagte Claassen am Freitag in Karlsruhe. „Wir haben uns auf zu viele Themen verzettelt.“ Bisher hatte sich EnBW Einsparungen von rund 700 Mill. € zum Ziel gesetzt. Allein beim Personal sollen die Kosten um 350 Mill. € sinken. Dabei seien auch betriebsbedingte Kündigungen unvermeidbar, sagte Personalchef Bernhard Beck. Finanzchef Bernd Balzereit war am Donnerstagabend nach nur zwölf Monaten im Amt abgelöst worden.

Bei einer Bestandsaufnahme seien „erhebliche potenzielle“ Risiken ausgemacht worden, hatte EnBW zuvor mitgeteilt. „In einigen wenigen Fällen liegt das entsprechende einzelne Risiko im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.“ Ohne Zahlen zu nennen, nannte Claassen als größte Risiken drohende weitere Verluste bei der Müllverbrennungsanlage Thermoselect, die seit 1998 über 400 Mill. € verschlungen habe, und „ein ganzes Spektrum“ von Korrekturen und notwendigen Rückstellungen beim Dienstleistungs- und Schuhkonzern Salamander. Berichte, wonach das Gesamtrisiko bei über 800 Mill. € liege, wollte Claassen nicht bestätigen. Wenn bei Thermoselect nicht bis Jahresende klare Verbesserungen in Sicht seien, werde die Anlage geschlossen.

Mit der Vergangenheit der EnBW ging Claassen hart ins Gericht, sagte aber, er wolle seinem Vorgänger Gerhard Goll nichts vorwerfen. „Konstruktive Ergebnisgestaltungen“ hätten die schlechtesten Kosten- und Erlösstrukturen der Branche überdeckt. Rückstellungen seien unterlassen worden, die Konzernstruktur mit fast 300 Unternehmen sei unübersichtlich. 55 Tochterfirmen seien defizitär, sieben davon hätten zweistellige Millionenverluste geschrieben. Jetzt müssten die Altlasten abgearbeitet werden. 56 Töchter sollen in einem ersten Schritt auf zwei verschmolzen werden. Die angepeilten Verkäufe von Töchtern, die nichts mit dem Energiesektor zu tun hätten, seien aber schwierig, weil nur eine Handvoll davon nennenswerte Erlöse versprächen. Darum kümmern soll sich ein Manager, der von der Unternehmensberatung Roland Berger kommt.

„Der Konzern befand sich 2002 in einer operativen Verlustsituation. Für einen Energiekonzern ein bemerkenswertes Faktum“, sagte der neue Vorstandschef. Vor Steuern hatte EnBW nach deutschem Handelsrecht einen Gewinn von 407 Mill. € ausgewiesen. In keinem der letzten Jahre habe EnBW auch nur annähernd die Kapitalkosten verdient. Die Altlasten belasteten das Ergebnis des laufenden Jahres. „Ein operativer Verlust ist für 2003 nicht auszuschließen“, hatte ein Unternehmenssprecher gesagt. Deshalb stünden nun Kosten im Vordergrund, sagte der Vorstandschef, der zunächst auch als Finanzvorstand fungiert. „Ertrag ist die erste Priorität. Marge geht vor Menge“, sagte er. „Wir werden sicher nicht wieder den Preiswettbewerb forcieren.“ Der Stromanbieter „Yello“ müsse spätestens 2005 schwarze Zahlen schreiben.

Eine Kapitalerhöhung durch die beiden Großaktionäre sei im Moment kein Thema, sagte der Vorstandschef. „Wir müssen uns erst auf unsere Hausaufgaben konzentrieren.“ Das gelte auch für den 2002 verschobenen Börsengang. Claassen hatte den Konzern zuletzt als „nicht börsenfähig“ bezeichnet. Die Eigenkapitalquote der EnBW liegt bei 8,5 %, die Schulden bei 8,2 Mrd. €.

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