Auftakt zur Sammelklage gegen Merck&Co
„Once daily“ – oder was eine Tablette bewirkt

Der Prozess um das Schmerzmittel Vioxx geht in seine heiße Phase. Dem Hersteller Merck & Co. droht ein Schuldspruch - mit womöglich fatalen Folgen für die Branche.

ANGLETON/TEXAS. Ehe Carol Ernst in den Zeugenstand tritt, streicht sie noch einmal ihren schwarzen Blazer glatt. Ihr Brustkorb bebt, sie holt tief Luft und geht dann mit schnellen Schritten hinein in den Gerichtssaal Nummer 403. Über Angleton, 60 Kilometer von Houston entfernt, brennt an diesem schönen Augusttag die Sonne. Drinnen warten schon die Richter und Geschworenen auf die Aussage der 60-Jährigen.

Die schmächtige Frau mit dem blonden Kurzhaarschnitt soll sich an ihr Leben erinnern mit ihrem verstorbenen Mann Robert, genannt Bob, an den Alltag mit ihm, der ihr so viel Freude bereitete, an seine Wehwehchen und den Tod.

Der kam plötzlich, vor vier Jahren, an einem lauen Mai-Abend, kurz vor Mitternacht. Das Ehepaar war schon zu Bett gegangen, als Carol Ernst noch einmal hochschreckte. Zuerst dachte sie, wieso schnarcht Bob heute, der schnarcht doch sonst nie. Dann kam ihr der schreckliche Gedanke: Das klingt wie das letzte Röcheln beim Sterben, so wie es die gelernte Krankenschwester schon viele Male im Hospital gehört hatte. Panisch rief sie den Notarzt, doch der konnte für Robert Ernst nichts mehr tun. Todesursache: Herzrhythmusstörungen.

Das aber konnte und wollte Carol Ernst nicht glauben. Ihr damals 59-jähriger Mann war begeisterter Sportler, ja sogar Fitnesstrainer und Marathonläufer. Und so fiel ihr Verdacht schnell auf das Schmerzmittel Vioxx, das Bob wegen einer lapidaren Sehnenentzündung in den Händen ein paar Monate lange genommen hatte. Von den womöglich fatalen Nebenwirkungen hatte Carol schon öfter gehört und gelesen.

Sie befragte Ärzte, beschaffte sich Fachliteratur und schaltete schließlich einen Anwalt ein, weil sie nun vermutete, dass der Vioxx-Hersteller Merck & Co. das Medikament aus Profitgier lange nicht vom Markt nahm, obwohl dem Unternehmen die Risiken längst bekannt waren. Also reichte sie Klage gegen einen der weltweit größten Pharmakonzerne auf Schadensersatz in Millionenhöhe ein.

Und so ist der seit Anfang Juli laufende Ernst-Prozess vor dem Gericht in der texanischen Provinz der Auftakt und Gradmesser für womöglich spektakuläre Sammelklagen Tausender Angehöriger, die ebenfalls glauben, dass Familienmitglieder an Vioxx verstorben sind. Allein 3 800 Einzelfälle sind schon jetzt aktenkundig. Hier zu Lande vertritt der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz nach eigenen Angaben inzwischen mehr als 750 potenzielle deutsche Opfer.

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