"Die Tankstelle der Zukunft könnte so aussehen", sagt Michael Schweitzer, ein Amerikaner mit schwäbischen Vorfahren, offenem weißen Hemd und goldener Halskette. Der Mercedes-Produktmanager lotst die Passagiere seines silberblau schimmernden Brennstoffzellenautos "F-Cell" auf einen tristen Bauhof der Stadtverwaltung White Plains. Hier, knapp 30 Meilen nördlich von New York City, steht die bisher einzige US-Tankstelle weit und breit, an der die Kundschaft neben Benzin und Ethanol auch Erdgas und Wasserstoff tanken kann.
Schweitzer, der den US-Markt für die geplante Einführung einer ersten Mercedes-Kleinserie mit Brennstoffzellenantrieb 2010 vorbereitet, ist einer von wenigen Stammkunden in White Plains. Vier bis fünf Brennstoffzellenautos kämen pro Tag vorbei, sagt der Tankwart, vor allem die Wagen der Testreihe Equinox von GM
. Schweitzers A-Klasse-Mercedes muss diesmal warten, bis ein Techniker die Wasserstoff-Tanksäule inspiziert hat. Eine Spritztour macht keinen Sinn, der Blick auf die Armaturen zeigt nur noch 6,5 von einst 100 Meilen Aktionsradius.
So ist die automobile Zukunft im Juli 2008: Der Tankservice hat noch Schwächen, die Infrastruktur riesige Lücken, und emissionsfreie Autos gibt es bisher nur in handgefertigten Mini-Serien. Kostenpunkt: Etwa eine Million Dollar pro Stück - nichts für rezessionsgeplagte Amerikaner.
Dennoch, das Land ist im Umbruch. Seit der Benzinpreis die Vier-Dollar-Marke pro Gallone (3,79 Liter) locker übersprungen hat, sind alternative Autoantriebe für viele Autofans eine Frage von nationaler Bedeutung. "Ich möchte bald ohne Benzin fahren und unser Land vom Sprit befreien", sagt etwa Lyle Dennis, ein Neurologe und Internetfreak aus New Jersey, der eine 100 000-fach besuchte Fan-Website zum Elektroauto GM
Volt ins Leben gerufen hat.
Auch die Politik zeigt sich längst nicht mehr wie einst Arnold Schwarzenegger mit einer Privatflotte von Hummer-Geländewagen. Adrian Fenty, aufstrebender Bürgermeister der US-Hauptstadt Washington, strahlt zufrieden, als er in seinem neuen Dienstwagen Platz nimmt. Der schwarze US-Politiker mit Sinn für Symbolik hat seinen schweren Geländewagen gegen ein kleines, schwarzes Smart-Cabrio eingetauscht. "Ich denke, das ist mein eigener Beitrag zu dem, was viele Bürger schon machen: das kleinstmögliche Auto zu nehmen, das so wenig Sprit wie möglich verbraucht."
Fenty hat seinen Chauffeur und die motorisierte Eskorte weitgehend abgeschafft, um selbst zu fahren. Selbst die Stabschefin von First Lady Laura Bush fährt seit Februar einen gelben Smart Fortwo: "Anita McBride's neues Baby ist da", jubelte die "Washington Post" - und Daimler
freute sich über den ersten PR-Coup nach der Scheidung von Chrysler.
Gegen die Mini-Armada der japanischen Konzerne hat Daimler
in den USA freilich keine Chance. Jeweils zwei PKW von Toyota
(Corolla und Camry) und Honda
(Civic und Accord) werden neuerdings öfter verkauft als der seit 1977 unangefochtene Bestseller Ford
F-150. Bis vor wenigen Monaten galt die Bastion der Pick-up-Lastwagen als uneinnehmbar. Für Amerikas Heartland ist der F-150 so wichtig wie der VW
Golf für die Deutschen: In seinem erfolgreichsten Jahr 2004 kam der Pick-up auf fast eine Million Zulassungen, das entspricht etwa einem Drittel des gesamten deutschen Automarkts.

