Ausbau der Infrastruktur soll den Trend sinkender Direktinvestitionen stoppen
Südamerika wirbt um das Vertrauen der Investoren

Bedrohliche Lage in Argentinien und Venezuela, schwaches Wachstum in Chile und Bolivien – Südamerika war in den vergangenen Jahren wenig attraktiv für ausländische Direktinvestitionen. Doch seit Jahresbeginn bessern sich zumindest einige Rahmenbedingungen auf dem südlichen Kontinent: Zahlreiche Projekte zum Ausbau der Infrastruktur sollen dies untermauern.

BUENOS AIRES. Die Regierungen wollen den Trend der rückläufigen Direktinvestitionen stoppen und werben mit neuen Projekten. Investitionschancen bieten etwa die Pläne der brasilianischen Regierung, die mit Geldern von Entwicklungsbanken den Bau von Staudämmen, Wasserleitungen und Straßen finanzieren will. Brasilien führt eine Initiative für die infrastrukturelle Integration Südamerikas an. Die Pläne mehrerer Länder umfassen insgesamt 160 Projekte, für die ein Etat von 23 Mrd. $ verteilt über die nächsten fünf Jahre notwendig wäre.

Sobald das noch schwache Wirtschaftswachstum in der Region an Fahrt zulegt, sieht das Forschungsinstitut Sobeet selbst in Brasilien „gute Investitionschancen in Infrastrukturprojekten in den Bereichen Energie, Sanitär, Transport und Logistik“. Im vergangenen Jahr allerdings haben die Krisen in vielen Ländern Südamerikas die Investoren aus dem Ausland noch verschreckt. Die Direktinvestitionen in der Region sanken zum dritten Mal in Folge deutlich. Nachdem im Jahr 1999 mehr als 70 Mrd. $ nach Südamerika flossen, waren es drei Jahre später nur noch 27 Mrd. $.

Abrupt war der Rückgang in Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay sowie in Chile – den Ländern des Mercosur-Wirtschaftsraumes. In den den 90er Jahren vereinten diese Länder noch die mit Abstand höchsten Investitionszuflüsse auf sich, doch im vergangenen Jahr sank der Wert der Investitionen in diesen Ländern im Vergleich zum Vorjahr um gut ein Drittel auf 19 Mrd. $. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres gaben die Direktinvestitionen im Vergleich zur Vorjahresperiode von 8 Mrd. $ auf 3,3 Mrd. $ weiter nach. Der Rückgang verteilt sich zu fast gleichen Teilen auf Dienstleistung und Industrie. Stark betroffen war die Lebensmittelbranche mit einem Investitionsrückgang von 64 %. In der Metallindustrie dagegen stiegen die Investitionen um 490 % auf 325 Mill. $.

Im gesamten südamerikanischen Raum war am stärksten der Versorgungssektor von den Wirtschaftskrisen und der Abwertung der lokalen Währungen betroffen. Von den 50 verlustreichsten Unternehmen Lateinamerikas im Jahr 2002 kommt etwa die Hälfte aus dem Bereich der öffentlichen Versorgung: Telekommunikation, Elektrizitätswerke- und Distributoren, Wasser- und Abwasserwerke. Das extremste Beispiel liefert Telefonica Brasilien. Das Unternehmen führt mit einem Jahresminus von 9,6 Mrd. $ (32 % des Gesamtumsatzes) die Liste der verlustreichsten Unternehmen im Jahr 2002 an.

Die vergleichsweise niedrigen Neuinvestitionen flossen vorwiegend in die verarbeitende Industrie, vor allem in Auto-, Chemie- und Agroindustrie. Zunehmend setzen die Unternehmen angesichts der starken Schwankungen in der jeweiligen lokalen Nachfrage auf den Export in den gesamten südamerikanischen oder im Automobilsektor sogar den mittelamerikanischen Markt. Dabei kommen ihnen die niedrigen Produktionskosten in Brasilien und Argentinien infolge der schwachen Währungen zugute.

Dieser Trend dürfte im Zuge der regionalen und kontinentalen Integrationsbemühungen zunehmen, etwa im Rahmen der Freihandels- Verhandlungen des Mercosur-Wirtschaftsraumes mit Mexiko und der Gemeinschaft der Andenstaaten. Eine verstärkte Integrationsdynamik bringen auch die Verhandlungen zur Gesamtamerikanischen Freihandelszone FTAA, die bis Ende 2004 vollendet werden soll.

Brasilien war im vorigen Jahr trotz schwachen Wachstums und der Krisenstimmung im Vorlauf zu den Präsidentschaftswahlen der drittgrößte individuelle Empfänger von Direktinvestitionen weltweit. Im Vergleich zu 2001 gingen die Direktinvestitionen aber um 27 % zurück.

Anne Grüttner ist Handelsblatt-Korrespondentin in Madrid.
Anne Grüttner
Handelsblatt / Korrespondentin
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