Ausbau der Pharmaforschung
Bayer stärkt Biotech-Kompetenz

Der Chemiekonzern Bayer forciert den Ausbau seiner frühen Pharmaforschung und versucht dabei, vor allem seine Biotech-Kompetenzen zu verstärken. Für 210 Mill. Euro erwarb der führende deutsche Pharma-Konzern die Kölner Direvo Biotech AG, einen Spezialisten für das so genannte Protein-Engineering.

FRANKFURT. Dabei geht es um die Optimierung von Eiweißstoffen (Proteinen) für den Einsatz als Arzneimittel. Die komplizierten, nur biotechnisch produzierbaren Moleküle, spielen im Pharmageschäft eine immer wichtigere Rolle, etwa in der Krebs- oder Rheumatherapie. Für viele Pharmakonzerne sind sie daher zu einer begehrten Produktkategorie geworden.

Bayer rangierte mit einem Medikamenten-Umsatz von 5,2 Mrd. Euro im ersten Halbjahr zwar nur auf Position 14 in der Pharmabranche. Mit Medikamenten wie Betaferon, Kogenate oder Campath zählen die Leverkusener aber zu den zehn führenden Anbietern von therapeutischen Proteinen. Der Konzern agierte dabei in der Forschung in den letzten Jahren allerdings eher zurückhaltend, während Konkurrenten wie Pfizer, Glaxo, Astra-Zeneca oder Novartis reihenweise große Allianzen oder Zukäufe im Biotechbereich besiegelten.

Hintergrund ist die umfangreiche Neuordnung in der Pharmaforschung von Bayer nach der Lipobay-Krise und im Zusammenhang mit der Schering-Übernahme. In dieser Phase korrigierte Pharmachef Arthur Higgins eine Reihe von Fehlinvestitionen in der frühen Forschungsphase - darunter einige umfangreiche Kooperationen in der Genomforschung - und konzentrierte die Produktentwicklung statt dessen auf einzelne fortgeschrittene Wirkstoff-Kandidaten.

Die jüngsten Investitionen zielen nun offenbar darauf, die Forschungs-Pipeline wieder stärker mit frühen Projekten auszustatten. Dazu gehört etwa der Kauf eine präklinischen Onkologie-Programms vom Schweizer Pharmaunternehmen Nycomed Anfang August oder eine Kooperation mit der US-Firma Maxygen für die Entwicklung einer gentechnischen Variante des Blutgerinnungsfaktors VIIa. Der gestrige Kauf, Direvo, bringt Bayer generelles Know-how in der Protein-Forschung, hat darüber hinaus aber ebenfalls an einem Gerinnungsfaktor gearbeitet. Das Unternehmen stärkt damit ein spezielles Fachgebiet, das für Bayer besonders große Bedeutung hat. So verbirgt sich hinter dem Blutermedikament Kogenate eine gentechnisch hergestellte Variante des Blutgerinnungsfaktors VIII. Und auch das wichtigste Entwicklungs-Projekt der Leverkusener, das Thrombosemittel Xarelto, setzt im System der Blutgerinnung an. Es handelt sich hier um einen Hemmstoff gegen den Faktor Xa. Dieses Medikament, dem manche Analysten Milliardenumsätze zutrauen, hat gestern in Kanada seine erste Zulassung weltweit erhalten und dürfte in Kürze eine Genehmigung für den europäischen Markt bekommen.

Die Übernahme von Direvo durch Bayer ist ein weiterer Erfolg für die deutsche Biotech-Szene. Der Deal folgt auf eine Reihe weiterer Übernahmen in den vergangenen Monaten, darunter insbesondere die Übernahme der Berliner Jerini AG durch die britische Firma Shire für rund 370 Mill. Euro. Ende Mai erwarb der japanische Pharmakonzern Daiichi Sankyo die Münchner U3 Pharma AG, ein Unternehmen, das an mehreren experimentellen Krebsmedikamenten arbeitet, für 150 Mill. Euro. Auch die umfangreiche Allianz, die Glaxo-Smithkline jüngst mit der deutsch-britischen Firma Cellzome besiegelte, gilt als Indiz für das wachsende Interesse von Pharmaherstellern an deutschen Biotechfirmen. Tendenziell sind dabei für die Arzneimittelfirmen neue Technologien offenbar interessanter als konkrete Produktkandidaten.

Auch im Falle Direvo sind mögliche Wirkstoff-Kandidaten noch Jahre von der Marktreife entfernt. Das Unternehmen entstand Anfang des Jahrzehnts durch Ausgründung aus der Hamburger Evotec AG und erhielt von seinen Kapitalgebern, darunter TVM als Lead-Investor, bisher rund 30 Mill. Euro Eigenkapital erhalten.

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