Ausstieg aus Kernenergie

Atomindustrie geht zum Angriff über

Erst kündigt Eon eine Klage gegen die Brennelementesteuer an, nun geht RWE-Chef Großmann in den Medien in die Offensive. Die Atomindustrie wehrt sich gegen den Ausstieg - und die Bundesregierung reagiert.
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Oettinger: Deutsches Atom-Endlager finden!

München/BerlinDie Stromkonzerne gehen auf Konfrontationskurs zum schwarz-gelben Atomausstieg. Der Energiekonzern Eon will gegen die Brennelementesteuer klagen - und nun geht auch noch RWE-Chef Jürgen Großmann in die Offensive. In der "Bild"-Zeitung kritisiert Großmann den Atomausstieg der schwarz-gelben Bundesregierung und warnt vor den Folgen. „Wir machen Experimente mit der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft - mit ungewissem Ausgang“, sagte Großmann dem Blatt. Darüber mache nicht nur er sich Sorgen. Atomstrom werde weiter gebraucht, um die Versorgung sicherzustellen. „Dieser stammt dann nur nicht aus deutschen Kernkraftwerken“, so der RWE-Chef weiter.

Zuvor hatte Eon seine Klage mit Vermögensschäden in Milliardenhöhe begründet, die mit dem früheren Ausstieg aus der Kernenergie verbunden seien. Schon aus aktienrechtlichen Gründen und zum Schutze seiner über 500.000 Kleinanleger dürfe Eon das nicht hinnehmen, hieß es. Auch RWE droht mit juristischen Schritten. Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) reagiert offiziell noch gelassen. „Die Gesetzesbegründung zur Brennstoffsteuer bezieht sich ausdrücklich nicht auf das Thema Laufzeitverlängerung“, sagte der FDP-Vorsitzende der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Die Gewinner und Verlierer des Atomausstiegs
Koalition will Atomausstieg bis 2022
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Energiekonzerne

In den Konzernzentralen der großen Energiekonzerne herrschte gestern Entsetzen. „Viel schlimmer hätte es nicht kommen können“, sagte ein Manager. Die Folgen sind enorm. Acht Kernkraftwerke, die seit Jahren abgeschrieben sind und entsprechend hohe Margen liefern, sollen nach den Plänen der Bundesregierung direkt vom Netz bleiben.

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Eon ist mit den Kraftwerke Isar 1 und Unterweser betroffen. Die Kosten werden spürbar sein. Eon hatte allein die Kosten des im März verhängten dreimonatigen Moratoriums mit 250 Millionen Euro beziffert. Matthias Heck von der Investmentbank Macquarie schätzt, dass Eon über die vielen Jahre hinweg rund 17 Milliarden Euro an Nettogewinn entgehen.

Anti-Atom-Demo in der Hamburger Innenstadt
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Der Ausstieg dürfte für Vattenfall drastische Folgen haben. Vattenfall wird nämlich dann gar keinen Atomstrom in Deutschland mehr produzieren. Das Unternehmen muss die von ihm betriebenen Reaktoren Krümmel und Brunsbüttel aufgeben.

RWE
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RWE ist mit den Kraftwerken Biblis A und Biblis B betroffen. , RWE bezifferte die Kosten des im März verhängten dreimonatigen Moratoriums mit 150 bis 200 Millionen Euro. Jetzt stehen die Reaktoren komplett still.

EnBW-Hauptversammlung - Villis
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EnBW verliert die Kraftwerke Neckarwestheim 1 und Philippsburg 1.

ThyssenKrupp - Abstich Hüttenwerk Krupp Mannesmann
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Der Strompreisanstieg ist eine Katastrophe für die Stahlindustrie. Die Rechnung, die die Wirtschaftsvereinigung Metalle (WVM) aufmacht, ist einfach: Wenn der Strompreis um einen Cent pro Kilowattstunde steigt, erhöhen sich die Kosten der Mitgliedsunternehmen um 180 Millionen Euro pro Jahr.

Deutsche Bahn laesst Wirtschaftskrise hinter sich
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Deutsche Bahn

Ein Ausstieg aus der Kernenergie würde die Deutsche Bahn hart treffen: Der Konzern ist der größte Stromabnehmer des Landes. Schon die Abschaltung der sieben ältesten Kernkraftwerke vergangene Woche spürt das Schienenunternehmen: Vom Atommeiler Neckarwestheim 1 bezog die Bahn einen Teil ihres Fahrstroms direkt – das Kraftwerk war das bisher einzige, das den für Großabnehmer üblichen 50-Hertz-Strom in die für den Bahnbetrieb nötige Frequenz von 16,7 Hertz umwandeln konnte. Deshalb hält die Bahn sogar einen Anteil von knapp einem Prozent an Neckarwestheim 1.

Die Bahn-Manager suchen deshalb nach Mitteln gegen die Malaise, die ihnen die Energiewende beschert. Eine Alternative wäre der Bau weiterer Umrichterwerke in der Nachbarschaft der Versorger, wo der Schienenriese Strom kaufen und ihn dann in Bahnstrom umwandeln könnte.

Doch gleichzeitig will die Bundesregierung im Streit um den Atomausstieg den Energiekonzernen nach Informationen der „Süddeutschen Zeitung“ weiter entgegenkommen als bislang bekannt. Anders als zuletzt verlautbart sollten die AKW-Betreiber auch die Stromkontingente der sieben vom sofortigen Aus betroffenen Altmeiler auf jüngere Kraftwerke übertragen dürfen, berichtet das Blatt unter Berufung auf den Entwurf für die Novelle des Atomgesetzes.

Ursprünglich war eine solche Regelung nur für die Strommengen des stillgelegten Reaktors Mülheim-Kärlich sowie des Pannenmeilers Krümmel vorgesehen. Nach Berechnungen des Öko-Instituts dürften damit alle verbleibenden neun Kernkraftwerke binnen eines Jahres, nämlich zwischen 2021 und 2022 vom Netz gehen, heißt es in dem Bericht. Die Grünen kritisierten dies scharf. Der Atomausstieg entpuppe sich als „Laufzeitgarantie für Atomkraftwerke“, sagte Fraktionschef Jürgen Trittin der Zeitung. „Der Kampf um den endgültigen Ausstieg aus der Atomkraft wird damit nur vertagt.“

Die Klage Eons gegen die Brennelementesteuer war indes erwartet worden, weil Schwarz-Gelb trotz des geplanten Atomausstiegs bis 2022 an der Abgabe festhält. „Ich gehe davon aus, dass durch die politisch gewollten Laufzeitverkürzungen und die endgültige Stilllegung von Anlagen ein Schaden in zweistelliger Milliardenhöhe entsteht“, sagte Eon-Chef Johannes Teyssen der „FAZ“. Es könne nicht sein, dass die Eigentümer von Eon mit ihrem Vermögen für die politischen Entscheidungen geradestehen sollten.

Breiter Konsens unter den Parteien ist fraglich
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6 Kommentare zu "Ausstieg aus Kernenergie: Atomindustrie geht zum Angriff über"

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  • READY STEADY PAAAAAY!

    Wer nicht hören will, muss zahlen.

    Viel Spass dabei :-)))

  • Ihre Argumentation ist durchaus nachvollziehbar. Dennoch darf man nicht vergessen, wie die Laufzeitverlängerung zu Stande gekommen ist. Mit dieser Kehrtwende von Schwarz-Gelb entgehen diese vielleicht sogar einer Niederlage vor dem Verfassungsgericht, womit die Laufzeitverlängerung ohnehin nicht rechtskräftig wäre.

    Weiterhin darf man nicht vergessen, dass die AKW-Betreiber ihren mit Rot-Grün abgeschlossenen Vertrag mit der Laufzeitverlängerung gebrochen haben!!!

    Für den Atomausstieg hat Rot-Grün den Energiekonzernen die Emissionsrechte jahrelang geschenkt, die Versicherungspflicht im Falle eines Unfalls auf der Staatsseite behalten und die Kosten für die Endlagersuche ebenfalls beim Staat belassen.

    Im Gegenzug haben die Energiekonzerne die für sie kostenlosen Emissionsrechte trotzdem auf die Strompreise umgelegt und mit der Strombörse in Leipzig ein Instrument erschaffen, den Strom stetig zu verknappen und damit teuer zu verkaufen!

    Würde ein kleiner Einzelhändler zu betrügerisch kalkulieren und verkaufen, wäre sein Laden längst geschlossen.

  • Es ist das gute Recht der Kernkraftwerksbetreiber, für die überraschende und gesetzlich nicht abgesicherte Stillegung eine Entschädigung einzufordern. Vor nicht allzu langer Zeit wurde noch die Laufzeitverlängerung beschlossen. Und nun Kommando zurück. Wie würden diejenigen Bürger, die sich nun aufregen, handeln, wenn ihnen plötzlich eine Einnahmequelle entzogen würde? Sillschwiegend hinnehmen und sich dem Statt beugen?

  • Na dann gibt es vielleicht bald Arbeit für die Bürgerlobby: Zukünftige Generationen in Sicherheit wiegen, wird dann nur noch über Boykott bestimmter Anbieter gehen. Das Volk hat die Macht, denn ohne Abnehmer sehen die Pro-Atom-Unternehmen ganz schnell furchtbar alt aus...

  • Ich frage mich wie sich ein RWE Marketingchef fühlen muss, wenn alle Arbeit in die "VoRWEggehen Kampagne" permanent vom eingenen Vorsitzenden nachhaltig aufs brutalste torpediert wird. Na ja, irgendwann werden sich das auch die Aktionäre Fragen, wieso sie hier das Geld so sinnlos verbrennen.

  • Grossmann: "Wir machen Experimente mit der Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft"

    Klar, da machen wir doch vieeeel lieber Experimente mit dem Leben künftiger Generationen.

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