Die Autoindustrie von morgen

VW-Chef Matthias Müller „Wir brauchen Anerkennung“

Volkswagen-Chef Matthias Müller hat auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel 2017 für ein besseres Verhältnis zur Berliner Politik plädiert. Der Manager setzt auf einen Neustart der Beziehungen mit der Jamaika-Koalition.
4 Kommentare

StuttgartVolkswagen-Chef Matthias Müller scheut kein Lob für die Konkurrenz. Es tue gut, „Mercedes-Luft zu schnuppern“, sagt er bei seinem Auftritt auf dem Handelsblatt Auto-Gipfel im Sindelfinger Mercedes-Kundenzentrum. Doch danach dreht sich alles nur noch um VW, Müller spricht dabei nicht nur von Selbstreflexion, sondern auch wieder von Mut und Selbstbewusstsein. Im Gespräch mit Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart und Chefredakteur Sven Afhüppe formuliert er Wünsche an die Politik, spricht über die Dieselaffäre, die Kartelluntersuchungen und die Herausforderungen in der Elektromobilität.

Herr Müller, in Berlin laufen die Verhandlungen zur Jamaika-Koalition. Was sind Ihre Erwartungen?
Zunächst wünsche ich mir, dass die Diskussion um die Autoindustrie wieder versachlicht wird. Außerdem wollen wir beim Thema Mobilitätskonzepte enger mit der Politik zusammenarbeiten. Ich würde mir wünschen, dass auch eine neue Regierung in Berlin erkennt, wie systemrelevant unsere Branche ist. Im Wahlkampf ist zu leichtfertig mit der Industrie und auch mit Volkswagen umgegangen worden. Ich würde mir mehr Anerkennung dafür wünschen, dass wir unsere Fehler erkannt haben und unser Unternehmen dramatisch verändern.

Brauchen wir in der Regierung eine Bündelung der Kompetenzen, die mit dem Thema Auto und Mobilität zu tun haben?
Ich habe in jungen Jahren als Volontär im japanischen Wirtschaftsministerium Miti gearbeitet, in dem die Kompetenzen exakt so gebündelt waren und das bis heute großen Einfluss in Japan und der Welt hat. Ein solches Superministerium könnte ich mir auch in Deutschland sehr gut vorstellen.

Es ärgere ihn, wenn der Eindruck erweckt werde, es fehle der Branche an Weitblick und Pragmatismus. „Und noch mehr ärgert es mich, wenn wir selbst dazu beigetragen haben“, so Müller. Auch eine Spitze gegen Tesla konnte Müller sich nicht verkneifen. „Der Durchbruch neuer Technologien kommt nicht von den Ankündigungsweltmeistern“, sagte er. „Ich mag Wettbewerb, aber teile romantische Verklärung von Tesla nicht.“
Handelsblatt-Herausgeber Gabor Steingart (r.) und Chefredakteur Sven Afhüppe (l.) im Gespräch mit VW-Chef Matthias Müller

Es ärgere ihn, wenn der Eindruck erweckt werde, es fehle der Branche an Weitblick und Pragmatismus. „Und noch mehr ärgert es mich, wenn wir selbst dazu beigetragen haben“, so Müller. Auch eine Spitze gegen Tesla konnte Müller sich nicht verkneifen. „Der Durchbruch neuer Technologien kommt nicht von den Ankündigungsweltmeistern“, sagte er. „Ich mag Wettbewerb, aber teile romantische Verklärung von Tesla nicht.“

Solch ein Ministerium würde sich um Strukturfragen der Zukunft kümmern?
Heute sind die Kompetenzen in Deutschland über viele Ministerien verteilt. Bei der Digitalisierung und der Elektromobilität wird viel gesprochen und zu wenig gehandelt. Wir müssen zu einer Planung kommen, die auch verschiedene Industriebranchen mit einschließt. Nicht nur die Autobranche gehört dazu, sondern etwa auch die Energieindustrie, IT, Digitalwirtschaft. In einer solchen Zusammenarbeit müssen konkrete Pläne entstehen, die dann wirklich verbindlich sind.

Ist die digitale Kompetenz in der Regierung überhaupt vorhanden?
Ich würde nicht sagen, dass es eine solche Kompetenz nicht gibt. Aber es gibt auf jeden Fall die passenden Ansprechpartner in der Industrie, mit denen man darüber reden könnte.

In den aktuellen Koalitionsverhandlungen spielt das Thema Ladenetz überhaupt keine Rolle. Ein Problem?
Das wird sich ändern müssen. Sonst werden wir weiter an unserem Mobilitätsproblem kranken. Ich weiß nicht, wie wir die Luft sonst sauber bekommen.

Ist das ein Politikversagen?
Es steht mir nicht zu, von Politikversagen zu sprechen. Allerdings hätte ich mir gewünscht, dass wir uns mit dem Thema früher beschäftigen. An der Stelle ist viel zu wenig passiert.

Gibt es für Sie wichtige Politiker, die eine zentrale Rolle spielen sollen. Was ist mit EU-Kommissar Günther Oettinger und FDP-Chef Christian Lindner?
Günther Oettinger kenne ich lange, ich schätze ihn sehr. Er nimmt sich dem Thema Digitalisierung sehr stark an. Für Deutschland wäre es ein Gewinn, wenn er nach Berlin zurückkehren würde. Christian Lindner ist ebenfalls frisch und mutig unterwegs. In Berlin gibt es jetzt eine gewisse Art von Neuausrichtung. Wir hoffen darauf, dass mit einer Jamaika-Koalition vernünftige Konzepte herauskommen. Für Gespräche und Kooperationen stehen wir bereit.

Vor einem Jahr beim letzten Autogipfel war Donald Trump gerade zum US-Präsidenten gewählt worden. Wie fühlen Sie heute, zwölf Monate später, für die westliche Welt?
Ich hätte mir schon gewünscht, dass wir an dieser Stelle mehr Stabilität spüren würden. Wir leiden unter einer gewissen Planungsunsicherheit. Nach einem Jahr wissen wir immer noch nicht, wie sich die amerikanische Außen- und Wirtschaftspolitik entwickeln wird. Von daher bleibt uns nichts anderes übrig, als auf Sicht zu fahren.

Außenminister Sigmar Gabriel hat zuletzt in einem Handelsblatt-Interview angesprochen, dass das gesamte deutsche Exportmodell gefährdet sein könnte. Teilen Sie diese Einschätzung?
Natürlich besteht da eine gewisse Gefahr. Seit Jahren haben wir uns dem Thema Globalisierung verschrieben, und solche grundsätzlichen Strategien kann man nicht jeden Tag verändern. Da hängt einfach zu viel dran. Deutschland, Europa und China sollten einen gemeinsamen Standpunkt finden und den dann auch gegenüber den Amerikanern vertreten.

Wenn die Probleme in den USA größer werden, lohnt sich der Blick nach China. Aber ist es dort wirklich einfacher?
Volkswagen hat in China eine über 30-jährige Geschichte, diese starke Präsenz ist ein ganz wesentlicher Teil unseres Erfolgsmodells. Die Chinesen werden zurecht zunehmend selbstbewusster und haben technisch stark aufgeholt, was insbesondere die Digitalisierung und die Elektromobilität betrifft. Nichtsdestotrotz liegt es auch an uns, dort mit erfolgreichen Konzepten anzutreten.

„Wir Deutschen sind, was technische Neuerungen betrifft, immer etwas konservativ“
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

Mehr zu: VW-Chef Matthias Müller - „Wir brauchen Anerkennung“

4 Kommentare zu "VW-Chef Matthias Müller: „Wir brauchen Anerkennung“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • @ Herr Toni Ebert 26.10.2017, 08:31 Uhr

    Wer hat Ihnen eigentlich diese rosa-rote VW-Brille aufgesetzt mit der Sie alles was VW verbrochen hat herunterspielen?

    Zur Erinnerung:

    * Betrug an den Kunden, die im guten Glauben ein "sauberes" Auto kauften
    * Betrug am Steuerzahler
    * Betrug am Gesetzgeber (Umweltgesetze, USA)
    * Betrug an den Lieferanten
    * Betrug an den Bürgern, weil viele von Ihnen aufgrund überhöhter Schadstoff-Emissionen das zeitliche segneten
    * Betrug an der Natur, den Pflanzen, Gewässern und Tieren
    * Betrug insbesondere an deutschen Kunden, die man für eigenes Verschulden nicht kompensieren will (ganz im Gegensatz zu den US-Kunden)

    usw., usw., usw. ...

    Unglaublich wie realitätsfremd sich manche Leute hier auf diesem Forum äußern ...

  • Die Anerkennung sollte von der Staatsanwaltschaft kommen. Betrug ist doch ein Offizialdelikt.

  • Ja, die Mentalität von Volkswagen war schon immer Nachhaltigkeit und Vertrauen. So war es immer und so wird es auch bleiben. Das alleine ist der Grund, warum Volkswagen an die Weltspitze gekommen ist.

    Volkswagen ist mit den Steuergeräten und der Software von BOSCH ins Kreuzfeuer geraten. So etwas kommt vor und davor ist keiner geschützt, wenn Zulieferer es mit den Gesetzen nicht so eng sehen.

    Das alte Denken )Nachhaltigkeit und Vertrauen) ist Grundpfeiler des Unternehmen und wird bei behalten. Nur so, wird VW in eine sichere Zukunft kommen. Betrügerische Absichten der Zulieferer ändern daran nichts. Es gehört zum Geschäft und an den entscheidenden Stellen weiß man davon.

    Macht weiter so!


  • Da zeigt sich die fatale VW-Mentalität. Anerkennung kann man nicht einfordern - sie wird einem gegeben, wenn man seine Kunden liebt. Aber das braucht eben eine neue Achtsamkeit als Unternehmensphilosophie. Vielleicht versuchen Sie´s mal Herr Müller, dann kann der Konzern endlich wieder Vorreiter werden. Das "alte Denken", nicht nur bei VW, ist die Wurzel all Ihrer Mega-Probleme.
    Gute Wünsche!
    Paul J. Kohtes

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%