Autobauer vor dem Kollaps
Im „russischen Detroit“ geht die Angst um

Nicht nur in den USA stehen die Autobauer vor dem kollektiven Kollaps, auch im Reich der Ladas. Im Januar brach die Autoproduktion Russlands im Jahresvergleich um desaströse 80 Prozent ein.

HB TOGLIATTI. Bei Ausstattung, Komfort und Sicherheit hinken Russlands Autobauer der internationalen Konkurrenz traditionell um mindestens ein Jahrzehnt hinterher. Die Autokrise jedoch traf auch die Russen in Echtzeit. Nach dem wiederholten Stopp der Montagebänder geht im "russischen Detroit", der Stadt Togliatti an der Wolga, die Angst um.

Russlands Autoindustrie legt dabei Wert auf Tradition. Selbst in der Hauptstadt Moskau bieten Händler bis heute fabrikneue Ladas als modernisierte Nachbauten des Fiat 124 an. Der kleine Italiener war immerhin Europas Auto des Jahres - allerdings schon vor mehr als 40 Jahren.

Von der Wärme Italiens ist in der 1000 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Lada-Stadt Togliatti, benannt nach dem italienischen Kommunistenführer Palmiro Togliatti, nichts zu spüren. In bitterer Winter-Kälte haben sich einige Dutzend Arbeiter mit Plakaten vor die Tore des Automobilwerks gestellt. "Wir Arbeiter kämpfen für unsere Rechte", steht auf einem Schild. Die meisten der Demonstranten sind Frauen. "Mein Lohn reichte bislang gerade so zum Leben. Nun weiß ich wirklich nicht, wo das alles enden wird", sagt die 26-jährige Anna Semjonowa, eine alleinerziehende Mutter.

Allein beim Lada-Hersteller Avtovaz sind 104 000 Menschen beschäftigt - immerhin jeder siebte Einwohner von Togliatti. Überall in der Stadt ist die Angst zu spüren, dass die Fabriktore in nicht allzu ferner Zukunft für immer geschlossen bleiben. "Die Arbeiter haben schnell gemerkt, dass ihnen der Februar nichts Gutes beschert", sagt Sergej Djatschkow, der seit 25 Jahren bei Avtovaz arbeitet. Zu allem Ungemach sind auch die Wohnnebenkosten in den Plattenbausiedlungen um 25 Prozent gestiegen.

Nach einem Jahrzehnt des Booms trifft der Absturz die Branche umso härter. Unmittelbar vor Ausbruch der Krise hatte Russland als größter Absatzmarkt in Europa erstmals Deutschland überrundet. Auch der Branchenprimus Avtovaz legte in den vergangenen Jahren ein stabiles Plus hin. Allerdings sank sein Anteil an der Gesamtzahl der verkauften Autos im Land stetig - auf zuletzt unter 30 Prozent.

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