Autobranche
Der Autokult kommt unter die Räder

Die Botschaft des Psychologen und Managementberaters Peter Kruse ist klar: "Die emotionale Strahlkraft des Konsumgutes Auto ist abgewirtschaftet." Was bedeutet: Die Hersteller haben zum Start ihres Frühjahrstreffens auf dem Genfer Autosalon ein viel gewaltigeres Problem als eine historisch einmalige Absatzkrise.

BREMEN. Der Blick reicht weit über die Halbbrille, sobald Peter Kruse sein Publikum fixiert. Der kräftige Mann mit dem Rauschebart ist Psychologe, Hirnforscher, Managementberater - und er sinniert gern über die Zukunft der deutschen Autoindustrie. Seine Botschaft an die Branche stammt eher von Kassandra als von Santa Claus: "Die emotionale Strahlkraft des Konsumgutes Automobil ist abgewirtschaftet."

Kruse ist Honorarprofessor für Organisationspsychologie an der Universität Bremen und leitet die Beratungsfirma Nextpractice. In Tiefeninterviews hat er Konsumenten befragt und einen tief greifenden Wertewandel festgestellt: Ausgerechnet das Auto, Symbol der eigenen Wirtschaftsstärke, verliert bei den Deutschen massiv an Sympathie. "Das Auto hat die unangefochtene Pole-Position als Konsumgegenstand mit der höchsten emotionalen Aufladung verloren", sagt Kruse. Was bedeutet: Die Hersteller haben zum Start ihres Frühjahrstreffens auf dem Genfer Autosalon ein viel gewaltigeres Problem als eine historisch einmalige Absatzkrise.

Und wer hat Schuld? Die Konzerne selbst, indem sie die prickelnde Beziehung der Deutschen zu ihrem Lieblings-Waschobjekt zerstört haben. "Das Design wurde vernachlässigt. Und damit hat das Auto an Erotik eingebüßt", sagt der Professor. Seine folgenschweren Behauptungen kann der Berater durchaus belegen. Die Ergebnisse seiner Interviews zeigen, dass sich der Statuswert des Automobils im Vergleich zu den 90er-Jahren nahezu halbiert hat. Das gilt besonders für ehemalige Traumautomobile. "Die Wagen der Oberklasse sind doppelt so weit entfernt von den persönlichen Idealvorstellungen wie die Kleinwagen", sagt der Nextpractice-Chef.

Seine Studie zur "Wertewelt Mobilität" hat der Psychologe erstmals mit mehr als 100 deutschen Teilnehmern im Sommer 2007 durchgeführt. Ende des Jahres 2008 folgte eine Neuauflage. Die Stichproben wurden jeweils nach soziodemografischen Gesichtspunkten wie Geschlecht, Alter, Einkommen, Bildungsstand und regionaler Herkunft ausbalanciert. Die von Kruses Team entwickelte Methode nimmt für sich in Anspruch, "unbewusste Wertepräferenzen zu messen und zu vergleichen". Das Ergebnis soll die "kollektive Intuition" der Menschen eines Kulturraumes widerspiegeln.

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