Autobranche
Detroit vor dem Kollaps

Heute Mittag deutscher Zeit schaut die Autowelt nach Detroit: Ford und General Motors legen ihre Quartalszahlen vor. Und man rechnet mit dem Schlimmsten: höher werdende Verluste, Kostenkürzungen und vor allem Arbeitsplatzbau. Die Autobauer betteln in Washington um frisches Geld. Detroit steht am Abgrund.

DETROIT. Unmittelbar nach seiner Wahl sieht sich der künftige US-Präsident Barack Obama bereits milliardenschweren Hilferufen der heimischen Autoindustrie ausgesetzt. Die Staatshilfen für die krisengeplagte Branche müssten über das bereits bestehende Kreditpaket von 25 Mrd. Dollar hinausgehen, sagte Troy Clarke, Nordamerika-Chef des größten US-Autokonzerns General Motors (GM) in Detroit.

Fast zeitgleich veröffentlichte das industrienahe Center for Automotive Research eine Studie, die 2,5 Millionen Arbeitsplätze für bedroht hält, falls nur einer der drei großen US-Autobauer in Konkurs gehen sollte. Die Gefahr ist akut: GM, Ford und Chrysler steuern auf einen Finanzkollaps zu, weil ihre Fahrzeugverkäufe dramatisch einbrechen und die Konzerne im Zuge der Kreditklemme keinen Zugang mehr zu frischem Kapital haben. Aktien des Marktführers GM gingen heute erneut auf Tauchstation und drückten den Börsenwert des Dow-Jones-Schwergewichts um zeitweise 14 Prozent auf unter drei Mrd. Dollar.

Ein weiteres sichtbares Zeichen der Nervosität: Der frühere US-Finanzminister John Snow, heute Chairman des Private-Equity-Imperiums und Chrysler-Eigners Cerberus, sprach sich im Fernsehsender CNBC offen für Staatshilfen aus: Man müsse sicherstellen, "dass uns die Autoindustrie, die so einen großen Teil der Gesamtwirtschaft ausmacht, nicht in einen noch tieferen Abschwung führt", betonte Snow.

Detroits Konzernführer pilgerten am Donnerstag geschlossen nach Washington und verhandeln mit der Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, der Demokratin Nancy Pelosi, über die Ausweitung milliardenschwerer Staatshilfen. Zwar hat Obama im Wahlkampf versprochen, die Arbeiter der Autoindustrie nicht allein zu lassen, und Hilfen für Detroits Konzerne ganz oben auf seine Agenda gesetzt. Ungetrübt ist das Verhältnis zwischen dem designierten US-Präsidenten und den Konzernführern der "Big Three" jedoch nicht.

Mehrfach hat Obama den Firmen in der Vergangenheit vorgeworfen, Lobbyarbeit gegen verbrauchsärmere Fahrzeuge zu betreiben und trotz anhaltender Milliardenverluste hohe Vorstandsboni auszuzahlen. Branchenexperten schließen daraus, dass Obama die heimischen Autoindustrie am Laufen halten dürfte, ohne dabei die Konzernführer und Aktionäre zu schonen.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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