Autobranche
IAA: Glaubenswandel auf der heiligen Messe

Als wäre nichts gewesen, inszenieren die Oberklasse-Hersteller auf der Frankfurter IAA schnelle Autos wie immer – als Religion der Drehzahl und der PS. Doch die Welt ändert gerade ihren Glauben.

FRANKFURT. Erst als der Autogott erscheint, darf die Messe beginnen. Ferdinand Piëch schreitet über eine Bühne und stellt sich in die erste Reihe.

Alles am Stand von Lamborghini auf der Internationalen Automobil-Ausstellung zu Frankfurt ist schwarz: die Wände, der Boden, die geschlitzten Kleider der Models, die stöckelnd den Götzen der vierrädrigen Vergangenheit huldigen. Schwarz, die Farbe der Versuchung. Schwarz, die Farbe des Untergangs.

Stephan Winkelmann, Chef des Sportwagenbauers, also Angestellter im Auto-Reich des Ferdinand Piëch, federt herbei. Er begrüßt die Gemeinde in germanischem Italo-Englisch, und zwei Sätze später gelobt er dann auch schon, bis 2015 werde Lamborghini die CO2-Emissionen seiner Rennautos „um 35 Prozent reduzieren“. Amen.

Was zu sagen war.

Dann macht sich Winkelmann daran, seinen wahren Glauben ausleben. In 3,4 Sekunden auf hundert Stundenkilometer! Schafft der kleine Teufel nämlich spielend, der da noch unter einem grauen Tuch mit Firmenlogo zu Winkelmanns Füßen auf der Bühne kauert: der neue Reventón Roadster. Zwölf Zylinder, natürlich Ehrensache. 670 PS, das Mindeste. Einzelpreis: 1,1 Millionen Euro, auch klar. Zwei Models lassen die Hülle des Wagens fallen, und da liegt er, schnittig wie eine Cruise Missile auf Rädern.

Winkelmann blickt andächtig auf sein Werk. Ferdinand Piëch blickt auf seine Uhr.

Die Zeit läuft, sie läuft gegen die Apologeten der Hochgeschwindigkeit, der Drehzahl und des Luxus, gegen Hersteller wie Lamborghini, Porsche oder BMW. Die Welt, so scheint es, verlangt nach einer anderen Religion. Sie hat begonnen, sich vom Glauben abzuwenden.

Früher waren sie allen voraus, die Luxusautokonstrukteure, nun fühlen sie sich gehetzt . Gehetzt von der neuen, grünen Religion der Mobilität: Autos, die mit Strom fahren oder mit Wasserstoff, die weder Schalthebel noch Getriebe brauchen, die fast lautlos dahinschnurren, statt zu röhren wie brünftige Hirsche. Und schon der erste volle Tag auf der IAA in Frankfurt, einer der wichtigsten Automessen der Welt, zeigt, dass es den Piëchs und Winkelmanns, den Zetsches und Reithofers schwant: Es geht etwas zu Ende. Langsam, aber sicher.

Wird ein alter Glaube durch einen neuen ersetzt, kann man taktieren, fintieren, opponieren oder überlaufen. Oder alles ein bisschen und gleichzeitig.

Und all das ist auf dieser Automesse zu beobachten.

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