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30.09.2005 
Standort Deutschland wird umgekrempelt

Autobranche läutet neue Zeit ein

Einst als unumstößlich geltende Verabredungen am Automobilstandort Deutschland geraten mehr und mehr ins Wanken: Erst ringt VW seinen Wolfsburger Mitarbeitern massive Zugeständnisse ab, dann werden 8500 Arbeitsplätze bei der Nobelmarke Mercedes abgebaut.

Mercedes und Volkswagen treten auf die Kostenbremse. Für liebgewonnene Arbeitnehmerprivilegien stehen die Ampeln auf Rot. Fotos: dpaLupe

Mercedes und Volkswagen treten auf die Kostenbremse. Für liebgewonnene Arbeitnehmerprivilegien stehen die Ampeln auf Rot. Fotos: dpa

HB HAMBURG. Die Arbeitsplatzzusagen, die Mercedes und Volkswagen ihren Belegschaften im Inland im Rahmen ihrer Sparpakete im vergangenen Jahr gegeben haben, stellen sich für viele Beschäftigten nur wenige Monate später bereits als trügerische Sicherheit heraus. Denn unter dem steigenden Druck der weltweiten Konkurrenz und hohen Überkapazitäten nutzen die Hersteller jede Klausel in den damals mit der IG Metall geschlossenen Verträgen, um Personal abzubauen. Auch um den Preis, dass wegen des Ausschlusses von betriebsbedingten Kündigungen hohe Geldsummen für Abfindungen bezahlt werden müssen. Die mächtige IG Metall kann dem nur hilflos zuschauen.

Der deutsch-amerikanische Autobauer Daimler-Chrysler stellt 950 Mill. € dafür bereit, dass bei Mercedes in Deutschland ein Zehntel der Belegschaft binnen eines Jahres freiwillig den Arbeitsplatz räumt. Kündigungen sind durch den Beschäftigungspakt des vorigen Jahres bis 2012 ausgeschlossenen.

„Daimler hat vor einem Jahr einen Vertrag geschlossen, um 500 Mill. € einzusparen, und wendet jetzt eine Milliarde auf, um aus diesem Vertrag wieder herauszukommen“, kritisierte Helmut Becker, Leiter des Münchener Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) am Donnerstag. Er wirft dem Stuttgarter Autokonzern vor, die seit 15 Jahren laufende Globalisierung verschlafen zu haben. „Von der Globalisierung wird man nicht überrascht, das sind handwerkliche Fehler im Management. Man wollte das einfach nicht wahrhaben. Eine kontinuierliche, geräuschlose Anpassung hat man verschlafen, hat Verträge abgeschlossen, Arbeitszeitmodelle mit den Belegschaften entwickelt, um die notwendigen Einschnitte nicht angehen zu müssen.“

Volkswagen habe mit seiner 28,8-Stunden-Woche vor über zehn Jahren noch den Abbau von 30 000 Arbeitsplätzen verhindern können. Inzwischen kämen die Wolfsburger aber nicht mehr darum herum, ebenfalls Stellen zu streichen. „Die Wirklichkeit und der Markt haben die deutschen Autobauer nun eingeholt“, sagt Becker.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Standortsicherung ist keine Garantie

Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder hatte unlängst von einem Personalüberhang von mehreren tausend Stellen in den westdeutschen VW-Werken gesprochen, die durch Vorruhestandsregelungen und Abfindungen abgebaut werden sollen. Den geplanten Arbeitsplatzabbau beziffert der Autobauer bisher nicht. Experten halten aber eine Zahl von 10 000 für realistisch. Damit würde wie bei Mercedes auch bei VW jeder zehnte Arbeitsplatz der inländischen Belegschaft wegfallen. Auch Volkswagen hat mit der Gewerkschaft eine langjährige Jobgarantie vereinbart. Klauseln erlauben es den Konzernen aber, bei wirtschaftlichen Veränderungen Personal durch freiwillige Lösungen dennoch abzubauen.

„Diese Kompromisse haben niemals mehr bedeutet, als den Ausschluss von Kündigungen“, sagt Christoph Stürmer, Analyst des Prognoseinstituts Global Insight. „Das sind keine Garantien, das sind Absichtserklärungen. Ich glaube, da hat man sehr viel für die Galerie gespielt“, fügt er hinzu.

Geräuschloser als VW und Daimler geht die deutsche Tochter des US-Autobauers Ford vor, die ihre Beschäftigtenzahl Jahr für Jahr in den Werken in Köln, Saarlouis und Genk (Belgien) verringert. „In den vergangenen drei Jahren waren es rund 1500 Mitarbeiter, die über Abfindungen und Vorruhestandsregelungen gegangen sind“, sagte ein Sprecher der Kölner Ford-Werke. Die Werke gehören inzwischen zu den produktivsten in Europa.

Ganz ohne Personalabbau kommt der Autobauer BMW aus. „BMW wächst extrem, was den Absatz anbelangt, stellt aber weit unterproportional Leute ein“, schildert Stürmer das Vorgehen der Münchener. Durch hohe Flexibilität bei den Arbeitszeiten und der Werke gelingt es BMW seit längerem, die Effizienz zu steigern. Gleichzeitig steigt dank neuer Modelle der Absatz rasant.

Die IG Metall als dominierende Gewerkschaft in der Autobranche sieht sich mit schwindendem Einfluss konfrontiert und kann dem Personalabbau in ihren Hochburgen Stuttgart und Wolfsburg nur hilflos zuschauen. „Das Management muss sich fragen lassen, ob es alles getan hat, um den Stellenabbau zu verhindern“, sagte IG-Metall-Bezirkschef Jörg Hofmann kleinlaut. Gewerkschaftschef Jürgen Peters schlägt vor, die Arbeitszeit zu senken, um Stellenabbau zu vermeiden.

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