Autobranche
Magna gewinnt Poker um Opel

Der US-Autokonzern General Motors hat sich überraschend doch für einen Verkauf seiner Europa-Tochter Opel an den Zulieferer Magna entschieden. Der Verwaltungsrat von GM teilte gestern mit, dass er 55 Prozent der Anteile seines Europageschäfts an Magna und seinen Partner, die russische Sberbank, verkaufen wird.

DÜSSELDORF/NEW YORK. Der US-Autokonzern General Motors hat sich überraschend doch für einen Verkauf seiner Europa-Tochter Opel an den Zulieferer Magna entschieden. Der Verwaltungsrat von GM teilte gestern mit, dass er 55 Prozent der Anteile seines Europageschäfts an Magna und seinen Partner, die russische Sberbank, verkaufen wird. Weitere zehn Prozent soll die Belegschaft übernehmen. GM will mit 35 Prozent an der neuen Gesellschaft "New Opel" beteiligt bleiben. Die Opel-Treuhand, die den Autobauer verwaltet, hat dem Verkauf zugestimmt, allerdings nur mit einer hauchdünnen Mehrheit. "Diese Lösung legt den Grundstein für eine erfolgreiche Zukunft für Opel und Vauxhall", sagte der Chef des Treuhand-Beirats, Fred Irwin.

In den vergangenen Tagen hatte es Spekulationen gegeben, GM werde den geplanten Verkauf absagen und versuchen, Opel und die Schwestermarke Vauxhall unter dem eigenen Konzerndach zu sanieren. Die deutsche Regierung dagegen hatte sich von Anfang an klar für einen Verkauf an Magna ausgesprochen und allein für diese Lösung Finanzhilfen angeboten.

"Nach großen Anstrengungen (...) haben sich GM und sein Verwaltungsrat dazu entschieden, Magna/Sberbank als Investor zu empfehlen", sagte GM-Chef Fritz Henderson. In den kommenden Wochen müssten allerdings "noch einige wichtige Punkte abschließend geklärt werden, um verbindliche Vereinbarungen zu erzielen", teilte der Konzern einschränkend mit.

Nach Handelsblatt-Informationen aus Verhandlungskreisen muss Magna vor allem noch Zugeständnisse im Zuge einer "Neuverhandlung der komplizierten Patente-Nutzung" machen. Branchenexperten rieten zur Vorsicht: Offenbar sei das "Schlüsselproblem" zwischen Magna und GM noch immer nicht gelöst, schrieb Analyst Tim Urquhart von IHS Global Insight: "Es gibt keine Sicherheit, bis die Verträge unterschrieben sind." GM hegt Bedenken, dass sich Magna-Finanzpartner Russland Opel-Technologien zu eigen machen könnte. Ob Magna die Auflagen von GM erfüllen kann, werde "vor dem Wahltag wohl nicht zu klären sein", hieß es in Koalitionskreisen. Skeptisch zeigte sich auch FDP-Chef Guido Westerwelle: "Ob Opel wirklich schon über den Berg ist, wird man erst wissen, wenn alle Einzelheiten der GM-Beschlüsse belastbar geklärt sind", sagte er dem Handelsblatt.

Opel und Vauxhall sollen den Plänen zufolge im globalen Produktentwicklungsverbund von GM integriert bleiben. "GM betreibt rund um den Globus viele Joint Ventures, und die Erfahrung zeigt, dass dieses Geschäftsmodell das richtige Maß an Unabhängigkeit, Innovation und Synergien bietet", sagte GM-Verhandlungsführer John Smith. "Alle Beteiligten werden sich nach Kräften bemühen, die Empfehlung schnellstmöglich zur Unterschriftsreife zu bringen", fügte er hinzu.

In Opel-Unternehmenskreisen hieß es, dass GM bis zur letzten Minute gepokert habe. Die vielen Probleme des US-Autobauers, der weiterhin hohe Verluste schreibt, hätten es finanziell jedoch nicht erlaubt, an Opel festzuhalten: "Die müssen erst mal vor der eigenen Haustür kehren", sagte ein Manager in Rüsselsheim. Analyst Urquhart zufolge blieben GM am Ende nur zwei Optionen: "schließen oder an Magna verkaufen". Für einen Opel-Verbleib unter dem Konzerndach hätte GM voraussichtlich weitere sechs Mrd. Dollar auftreiben müssen. Zudem drohte Deutschland mit der Rückforderung von Überbrückungskrediten in Höhe von 1,5 Mrd. Dollar.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich erleichtert. Das Ergebnis sei genau das, was sich die Bundesregierung und die Mitarbeiter von Opel gewünscht hätten. Es habe sich gezeigt, dass sich Geduld und Zielstrebigkeit der Bundesregierung ausgezahlt haben. Opel könne jetzt einen Neuanfang starten, der allerdings nicht einfach werde. Auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) jubelte: "Ich bin erleichtert, dass das Magna-Konzept jetzt zum Zuge kommt, denn es erfüllt die Bedingungen, die uns sehr wichtig waren: keine Werksschließungen, keine betriebsbedingten Kündigungen, Sozialverträglichkeit aller Maßnahmen."

Zuvor war spekuliert worden, dass die Werke in Bochum und in Eisenach geschlossen werden könnten. Der Opel-Betriebsrat reagierte ebenfalls erleichtert auf die Entscheidung. Eine für Freitag geplante Großkundgebung in Eisenach wurde abgeblasen. "Ich weiß, dass dies keine leichte Entscheidung für GM war, aber ich freue mich, dass Opel nun eine Zukunft hat", sagte der Betriebsratsvorsitzende Klaus Franz. Standortschließungen seien vermeidbar; der geplante Personalabbau müsse im Detail geprüft und mit dem Europäischen Betriebsrat verhandelt werden. ebe/hz/kol/saf

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