Autobranche
Wenn Hersteller zu Kannibalen werden

Auf dem Automarkt blüht eine enorme Modellvielfalt, die Kunden den Überblick trübt. Hersteller, die kein Segment mehr der Konkurrenz überlassen wollen, schwächen ihre Marken-Position. Experten empfehlen eine Modelldiät.
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GenfFür Autobauer gilt der Lehrsatz «weniger ist mehr» nicht. In den vergangenen Jahren haben die Hersteller die Zahl ihrer Modelle vervielfacht, ganz neue Segmente erfunden - und noch immer ist kein Ende absehbar.

1990 waren in Deutschland gerade einmal 101 verschiedene Fahrzeuge im Angebot, wie die Unternehmensberatung Progenium herausgefunden hat. 2014 waren es schon 453. Mit ständig neuen Varianten, Ablegern und Typen buhlen die Autokonzerne um Kunden.

Doch der riesige Fuhrpark ist nicht leicht zu beherrschen, an allen Ecken und Enden lauern Probleme.

In immer kürzeren Abständen müssen neue Modelle auf den Markt gebracht werden. Auf dem Genfer Autosalon (Publikumstage: 5. bis 15. März) zeigen die Hersteller anhand von rund 130 internationalen Premieren, was die Kunden (meist noch in diesem Jahr) an Neuheiten erwarten können.

Pro Variante werden die Stückzahlen dabei kleiner. Und die große Auswahl, heißt es bei Progenium, könne die Autokäufer überfordern und die Marken schwächen.

«In gewisser Weise stecken die Hersteller in einem Dilemma», sagt Progenium-Chef Michael Mandat. «Niemand kann und will einzelne Marktsegmente dem Wettbewerb überlassen, gleichzeitig vernichtet die hohe Komplexität jedoch auch Wert und eine klare Positionierung.»

Bei VW etwa gibt es mehr Außenspiegel als Modelle. Das zu steuern, zu entwickeln oder zu liefern ist hochkomplex. Der Konzern verkauft immerhin die riesige Zahl von zehn Millionen Autos im Jahr. Doch nicht nur die Modellvielfalt ist enorm.

Auch bei Ausstattungen kann der Kunde auswählen wie nie zuvor. Standen den Käufern 1990 bei einer 3er Limousine von BMW noch 70 verschiedene Ausstattungsmerkmale zur Auswahl, ist diese Zahl 2014 auf mittlerweile 215 angewachsen.

Dabei hat diese Strategie zumindest auf dem deutschen Automarkt nicht nachhaltig gewirkt. Die Zahl der Neuzulassungen ging von 1990 bis 2014 in Deutschland um rund drei Prozent zurück. Dennoch: International kommt die Modellvielfalt an.

BMW etwa wagt sich mit dem Active Tourer sogar in ein Segment vor, dass für die sportlichen Münchner lange undenkbar war und bietet einen Van. In Genf zeigt der Autobauer dieses Modell dann auch noch in einer siebensitzigen Variante.

Zwar soll es bei der Tochter Mini statt sieben nur noch fünf Modelle geben, dagegen traut sich die Konzernmutter im Dickicht der wachsenden Vielfalt weiterhin den Durchblick zu. Doch das gelingt nicht allen.

Denn die Modellplanung ist eine Kunst für sich. Zusätzliche Varianten sollen der Konkurrenz Kunden abjagen - und nicht den Schwestermodellen des eigenen Konzerns. Diese sogenannte Kannibalisierung fraß etwa beim französischen Autobauer Peugeot Citroën am Geschäft.

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Peugeot streicht Modelle

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