Autokrise
GM-Chef Wagoner gerät in die Schusslinie

Rick Wagoner bläst der Wind eiskalt ins Gesicht. Gleich mehrere US-Senatoren fordern den Rücktritt des Chefs von General Motors. Die Spekulationen über einen Nachfolger laufen auf Hochtouren. Vorne mit dabei: Renault-Boss Ghosn und Management-Legende Jack Welch. Aber ganz so leicht dürfte Wagoner seinen Posten nicht räumen.

HB DETROIT. Er hat sie alle überlebt: den Ford-Nachfahren Bill Ford genauso wie Tom La Sorda von Chrysler. Beide sind weg. Nur er, George Richard "Rick" Wagoner, steht noch an der Spitze eines großen Detroiter Autoriesen. Doch der wankt - und mit ihm auch Wagoner. Gleich zwei Senatoren haben jetzt seinen Rücktritt gefordert - unter ihnen Christopher Dodd, einflussreicher Vorsitzender des Bankenausschusses im Senat, ausgerechnet auch noch ein Freund und Vertrauter des designierten US-Präsidenten Barack Obama.

Dodd sagte in der amerikanischen Fernsehshow "Face The Nation": "Ich denke, man sollte über eine neue Führung nachdenken." Nur Minuten später sagte Dodd: "Wenn man umstrukturiert, muss man dafür auch ein neues Team an Bord holen. Ich denke, dass er gehen sollte." Er - damit hatte der Senator des Bundesstaates Connecticut natürlich Rick Wagoner gemeint. Und dann stieß auch noch Barack Obama, US-Präsident in spe, ins selbe Horn.

Bei einer Pressekonferenz in Chicago sagte Obama, dass die drei großen angeschlagenen Autobauer GM, Ford und Chrysler begreifen müssten, dass sie nicht mehr so weiter machen könnten wie bislang. Konsequenz: Umstrukturieren oder gehen, meinte Obama deutlich. Wenn, erklärte der zukünftige US-Präsident weiter, das Management den Ernst der Lage nicht begreife und keine schwierigen Entscheidungen treffe, dann sei es Zeit, abzutreten. Anders sehe es aus, wenn die Vorstände der Unternehmen die notwendigen Änderungen umsetzen würden.

Wenig verwunderlich, dass nach den Äußerungen des Präsidenten nun bereits weitere Rücktrittsforderungen laut wurden - zum Beispiel von Senator Charles Schumer. In einem Schreiben äußerte Schumer den Wunsch, dass er gerne "Änderungen im Management" sehen würde. Dass dann, wie das Wall Street Journal berichtet, auch noch Jerome B. York, Berater des Milliardärs und einstigen GM-Anteilseigners Kirk Kerkorian, den GM-Vorstand zum Rücktritt aufforderte, macht den Braten schon fast nicht mehr fett. Die Welle an Rücktrittsforderungen läuft - und trifft mit Rick Wagoner einen der Männer, die einmal als große Hoffnungsbringer der Autoindustrie gefeiert worden waren.

Ja, Rick Wagoner war nicht immer der gebeugt gen Capitol Hill schreitende Manager, der vor Kongress von Senatoren und Abgeordneten regelrecht auseinandergenommen worden ist. Dabei ist Rick Wagoner auch derjenige, der im Juni 2000 mit 47 Jahren zum jüngsten CEO in der Geschichte von General Motors wurde. Rick Wagoner ist übrigens auch das Vorstandsmitglied, das im Jahr 2001 vom Fachblatt Automotive Industries zum "Executive of the Year" gekürt wurde.

Und seine akademischen Meriten, sein Fachwissen, hat Wagoner nicht irgendwo erworben, sondern auf der Elite-Universität Harvard. Trotzdem ist Wagoner vom Fach, auch wenn er kein Ingenieur ist: Direkt nach seinem Uni-Abschluss heuerte Wagoner bei GM an - wo er bis heute geblieben ist. Ein Leben bei einem Unternehmen, in einer Branche. Ein GM, ein Wagoner.

Und doch: Auch wenn Wagoner sein Berufsleben bis dato in der Autobranche verbracht hat, monieren Kritiker, dass er vom Autogeschäft an sich zu wenig versteht. Konkret: Wagoner gilt als Mann der Zahlen, der Kosten drücken und Tarife stricken kann – aber von der Entwicklung, vom Verkauf eines Automobils zu wenig verstehen soll. Die Fakten scheinen den Kritikern Recht zu geben: Obwohl Wagoner Kosten massiv gesenkt hat und etwa die Finanzsparte GMAC abstoßen konnte, läuft es bei GM immer noch nicht rund, schlitterte der Konzern immer weiter in die Krise.

Und da GM nun unter Wagoners Führung seit dem Jahr 2005 konstant Milliardenverluste ausgewiesen hat, wird das Desaster von GM vor allem ihm persönlich angelastet. Seinen potenziellen Nachfolger, der auch jetzt als möglicher Kandidat für eine Nachfolge ins Gespräch gebracht wird, hat Wagoner selbst in die erste Reihe bugsiert: Frederick „Fritz“ Henderson wurde erst Anfang dieses Jahres vom Finanzchef in den Rang eines Präsidenten und Chief Operating Officers berufen. Das ist just die Position, die Wagoner vor fünf Jahren selbst inne hatte. Zufall?

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