Autokrise
Volkswagen: Das Krisenprogramm steht

Mit einem großen Bündel von Maßnahmen stellt sich der Volkswagen-Konzern auf die Umwälzungen auf dem Automarkt und die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise ein. VW-Vertriebschef Detlef Wittig sagt, was genau Volkswagen vor hat.

HAMBURG. Mit einem Bündel von Maßnahmen stellt sich der Volkswagen-Konzern auf die Umwälzungen auf dem Automarkt und die Folgen der Finanz- und Wirtschaftskrise ein. Vor allem die Abstimmung des Vertriebs mit Produktionsplanung und Einkauf intensiviert sich. „Wir müssen sehr viel aufmerksamer werden“, fordert VW-Vertriebschef Detlef Wittig im Gespräch mit dem Handelsblatt. Entscheidend sei derzeit eine tägliche Feinsteuerung.

„Wir können als Vertrieb sowieso nicht isoliert planen, müssen uns jetzt aber in den bereichsübergreifenden Gremien vor allem mit der Produktionsplanung und dem Einkauf noch enger abstimmen“, sagt der Automanager. „So kommen bestimmte Daten, die wir uns sonst alle paar Monate angeschaut haben, jetzt wöchentlich auf den Tisch.“

Umfragen sollen den Bedarf der Kunden angesichts der Marktunsicherheiten schneller und besser ermitteln. „Wir machen derzeit sehr viel mehr Trendforschung“, sagt Wittig. „Die Zahl der Blitzumfragen unter Kunden nimmt erheblich zu.“ Auftragseingänge werden jetzt auf alle möglichen Ausstattungsdetails heruntergebrochen. In dem Bestellverhalten entdeckt Wittig trotz dramatischer Markteinbrüche positive Trends. „Es ist durchaus so, dass die Kunden zwar kleinere Autos mit geringerem Gewicht und weniger Verbrauch nehmen, aber unter dem Strich den gleichen Betrag wie vorher investieren“, sagt er. Käufer wählen mehr Ausstattung wie komfortable Navigationssysteme, Doppelkupplungsgetriebe oder Kurvenlicht. „Es stimmt also nicht, dass alle weniger Geld ausgeben. Das sehen wir besonders beim Tiguan“, sagt Wittig.

Gerade bei beliebten Modellen wie dem VW Tiguan und umweltfreundlichen Antrieben wie den sparsamen Benzinmotoren mit Turboaufladung (TSI) kommt es trotz genereller Absatzeinbrüche zu Wartezeiten. Auf einen VW Golf, Skoda oder Seat mit TSI-Motor müssen Kunden derzeit bis zu fünf Monate warten. Derlei will Wittig möglichst vermeiden. „Natürlich können bei gefragten Innovationen anfangs auch Engpässe in den Kapazitäten auftreten und damit verbunden auch mal längere Lieferzeiten. Deshalb tauschen wir uns immer früher mit den Zulieferern aus“, sagt der VW-Vertriebschef. Entscheidende Komponenten macht der VW-Konzern gleich selbst. „Das ist besonders aktuell ein Vorteil“, findet Wittig. Volkswagen will sich auf diesem Weg weiter von der Konkurrenz absetzen. „Wettbewerbsvorteile haben wir durch Technologien im Antriebsbereich und der Umweltverträglichkeit, die besser sind als die der anderen.“ Dabei reicht nicht etwa ein einzelner Motor aus, sondern das soll über die ganze Produktpalette gehen. „Identifizieren wir eine solche geeignete Technologie, bekommt sie Vorrang in Entwicklung und Beschaffung“, erläutert der VW-Manager.

Heute stellt Volkswagens Vorstandschef Martin Winterkorn dem Aufsichtsrat eine neue Langfriststrategie vor. Mit einer ökologisch ausgerichteten Modellpalette und seiner starken Position in vielen Märkten will Europas größter Autohersteller die Vorteile seiner neun Marken ausnutzen. „Die Ansprüche sind ja nicht auf einmal alle gleich. Deshalb profitieren wir sehr davon, dass wir mehrere Marken und eine Vielzahl von Modellen anbieten“, zeigt sich Vertriebschef Wittig sicher.

Branchenexperten wie Stefan Bratzel von der Fachhochschule der Wirtschaft in Bergisch Gladbach sehen in der Marken- und Modellvielfalt des Konzerns in der Tat einen entscheidenden Vorteil der Wolfsburger. „Das hat nicht einmal Toyota“, sagt der Autoprofessor. VW konnte sich auch wegen einer starken Stellung in Schwellenländern wie China und Südamerika bislang besser als die Konkurrenz behaupten.

In neue Modelle und Technologien will Winterkorn pro Jahr acht Mrd. Euro investieren. Vor allem alternative Antriebe und verbrauchsarme Motoren stehen im Vordergrund. Parallel durchforstet er alle Ausgaben. „Wir müssen uns genau angucken, welche strukturellen Veränderungen die gegenwärtige Finanzkrise mit sich bringt“, bekräftigt Wittig. Entsprechend müssten die Produktionsprozesse angepasst werden.

Mark C. Schneider
Mark C. Schneider
Handelsblatt / Redakteur
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