Automarkt
Autoindustrie: Es geht noch schlimmer

Auch in China und Indien bekommt die Autoindustrie Schwierigkeiten. Die beiden Länder mit ihren Milliardenvölkern galten bis vor kurzem noch als Hoffnung der gebeutelten Branche – denn auf den angestammten Märkten in Europa und Nordamerika wachsen die Absatzsorgen. Aber auch in den Wachstumsregionen hinterlassen der Ölpreis und die US-Immobilienkrise ihre Spuren.

HB.DÜSSELDORF. Die Autoindustrie taumelt weiter Richtung Abgrund. Nach einer Prognose des Center Automotive Research (CAR) werden die Verkäufe 2008 in Westeuropa, den USA und Kanada sowie Japan so schlecht wie zuletzt vor 15 Jahren ausfallen. Kurzarbeit gibt es bereits, nicht nur den Werken deutscher Hersteller in den USA, sondern auch in Frankreich.

Bisher konnten Russland, China und Indien als neue Wachstumsmärkte die Absatzschwäche auffangen, jetzt aber halten sich auch dort die Autokäufer zunehmend zurück. In Indien ist der PKW-Verkauf im Juli zum ersten Mal seit drei Jahren zurückgegangen. In China fielen im August die Absatzzahlen im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 11,2 Prozent. Für ein Land, in dem bisher zweistellige Wachstumsraten auf dem Automarkt jahrelang der Normalfall waren, ist das ein katastrophaler Wert. Auch der Hoffnungsträger Brasilien enttäuscht inzwischen. Der Absatz wird dort in den kommenden beiden Jahren nach Schätzungen von Professor Ferdinand Dudenhöffer vom Center Automotive Research (CAR) an der FH Gelsenkirchen schrumpfen. Das geht aus einer CAR-Studie hervor, die Handelsblatt.com vorliegt.

"Die hohen Ölpreise, die Auswirkungen der Immobilien- und Bankenkrise in den USA und das stotternde Wirtschaftswachstum werden in den nächsten 18 Monaten tiefe Spuren in den Weltautomärkten hinterlassen", urteilt Dudenhöfer. Der Automarkt in Europa sackt dieses Jahr auf den tiefsten Stand seit elf Jahren. Selbst bislang erfolgsverwöhnte Hersteller wie BMW klagen über schlechte Geschäfte. BMW hat gerade erst den spektakulär angekündigten Geländewagen X7 aus dem Programm genommen und die Gewinnprognosen nach unten korrigiert: Autos, die Sprit fressen, sind nicht mehr zeitgemäß.

Das gilt in Zeiten von Öl-Hausse und US-Immobilienkrise auch für die bisherigen Hoffnungsmärkte Indien und China. Denn die Rechnung in einer Branche, die vom Ölpreis abhängt, ist einfach: steigt der Benzinpreis, sinken die Verkaufszahlen, auch in den asiatischen Wachstumsländern. Besonders dort fehlen sparsame Autos für weniger kaufkräftige Autofahrer. Ein Faktor, den die Autoindustrie bislang unterschätzt hat.

Dabei sollten nach Meinung führender Strategen die so genannten Hoffnungsmärkte den stagnierenden Absatz in der Triade aus Westeuropa, den USA und Kanada sowie Japan ausgleichen und aufbauen. Auf diese Märkte entfallen noch immer etwa zwei Drittel aller weltweit verkauften Autos. Doch nach der CAR-Prognose werden die Verkäufe in den bislang verkaufsstarken Ländern so schlecht wie zuletzt vor 15 Jahren ausfallen. Der Rückgang wird auf 6,4 Prozent im Vergleich zu 2007 geschätzt oder "bildlich gesprochen, ein Markt in der Größe Englands fehlt komplett" prognostiziert Düdenhöffer.

Nur Russland liefert für die Autoindustrie gute Nachrichten. Die hohen Preise für Öl und Gas, die anderswo die Nachfrage nach Autos bremsen, sorgen in diesem Energieland für einen Nachfrageboom. Wo in diesem Jahr noch 3,2 Millionen Autos verkauft werden, wird der Absatz 2010 schon vier Millionen Autos betragen, so Dudenhöffer. Doch Russland allein macht die Zahlen der Branche nicht schöner.

Die Hauptursache für die Krise am Weltautomarkt sieht der Autoexperte nicht in der schwächelnden globalen Konjunktur. Vielmehr wären strategische Fehler in der Modellpolitik, also ein strukturelles Defizit, die Ursache für die mangelnde Kauflust der Verbraucher: "Die Hersteller sind alle von der Ölpreisexplosion überrascht worden", sagt Dudenhöffer. Er glaubt an eine Erholung der europäischen Märkte erst nach 2010. Dann dürften nicht nur die Folgen der US Immobilienkrise weniger schlimm sein als heute. In der neuen Dekade haben wahrscheinlich auch die Autobauer umgestellt: Von Gas-Guzzlern auf kleine, hochaufgeladene Benzinmotoren und teilhybridisierte Antriebe.

Insgesamt droht den Autoherstellern in Gegenwart und Zukunft ein dreifacher Druck auf die Margen: Einerseits müssen die Autos mit neuer Spritspartechnik ausgerüstet werden, was sie laut CAR für einen 20-prozentigen Verbrauchsvorteil bei einem Durchschnittsfahrzeug etwa 1.500 Euro kostet. Zum zweiten werden Stahl und andere Rohstoffe ständig teurer, wofür noch mal rund 500 Euro fällig werden. Und zum dritten brauchen viele Firmen Geld, um in der nahen Zukunft neue Autos zu entwickeln. Das wird nach Meinung Dudenhöffers „Kapazitätskürzungen in West-Europa bei Herstellern und Zulieferern notwendig machen." Demnach zahlen die Zeche für eine verfehlte Modellpolitik nicht die klugen Köpfe der strategischen Planung bei den Herstellern, sondern die Arbeiter an den heimischen Produktionslinien.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%