Automobilbranche
Zulieferer steuern auf Engpass zu

Die Branche muss um neue Kredite bangen, denn das Rating vieler Firmen ist bereits im Keller. Vor allem wenn der Aufschwung einsetzt, werden viele Zulieferer Probleme bekommen: Banken sind vorsichtig wie nie. Ein beschleunigter Ausleseprozess steht bevor.
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FRANKFURT, DÜSSELDORF. Die wegen der Automobilkrise schwer angeschlagene Zulieferindustrie muss sich im kommenden Jahr zunehmend auf Kreditengpässe einstellen. Nach einer Studie der Mittelstandsbank IKB, die dem Handelsblatt vorab vorliegt, haben die wesentlich schlechteren Ertragskennzahlen in diesem Jahr das Kreditrating vieler Firmen bereits deutlich verschlechtert. "Die Jahresabschlüsse 2009 werden so schlecht sein wie noch nie in der Geschichte der deutschen Automobilindustrie", sagte der Autor der Studie, Karsten Gerhardt, dem Handelsblatt. "Viele Unternehmen werden damit vor großen Schwierigkeiten stehen, sich im kommenden Jahr zu refinanzieren."

Banker hatten bereits in der vergangenen Woche gewarnt, dass die größten Probleme für ihre Firmenkunden entstünden, wenn der Aufschwung einsetze. Erst dann gehe es darum, langfristige Investitionen zu finanzieren, die deutlich höhere Summen erforderten als die Mittel, die den Unternehmen in den vergangenen Monaten zur Verfügung standen.

IKB erwartet für 2009 mehr als 100 Insolvenzen von Zulieferern

Einige Zulieferer hätten ihr Kreditlimit zudem in der Krise bereits erreicht. Und die Banken sind vorsichtiger geworden und müssen wegen sinkender Bonitäten der Firmenkunden mehr Eigenkapital vorhalten, was ihre Kreditvergabemöglichkeiten einschränkt. Der Ratingdruck könnte sich nach Vorlage der Jahresabschlüsse 2009 nochmals kurzfristig erhöhen, warnt LBBW-Analyst Stefan Sigrist.

Der Ausleseprozess in der Autozulieferbranche wird sich damit im Jahr 2010 wohl weiter beschleunigen. "Während sich die globalen Automärkte stabilisieren werden, wird es für die europäischen Zulieferer ein weiteres hartes Jahr", prognostiziert Markus Leitner, Direktor der Ratingagentur Fitch. Die Refinanzierungsrisiken blieben für die Branche hoch, vor allem für kleinere Firmen mit beschränktem Zugang zum Kapitalmarkt, weil die Banken vorsichtiger mit Krediten seien, heißt es in einer gestern veröffentlichten Studie von Fitch. Bereits 2009 wird es nach Schätzung der IKB, die für ihre Studie 120 Jahresabschlüsse ausgewertet hat, in Deutschland zu einem historisch einmaligen Anstieg der Insolvenzen in der Branche kommen. "In Deutschland werden am Ende dieses Jahres über 100 Automobilzulieferer Insolvenz angemeldet haben", sagte Gerhardt. Die inzwischen ausgelaufene Abwrackprämie habe verhindert, dass noch mehr Lieferanten zahlungsunfähig geworden seien.

Im zweiten Quartal 2009 sind laut IKB allerdings erste leichte Zeichen einer Entspannung zu erkennen gewesen. Trotz ähnlich starker Umsatzrückgänge wie im Vorquartal sei der Brutto-Cash-Flow mit drei Prozent vom Umsatz wieder positiv gewesen. Doch die Ergebnisse der Zulieferer seien in einem "dramatischen Ausmaß" eingebrochen.

Eigenkapitalbasis der Unternehmen schrumpft in der Krise

Der starke Gewinnrückgang hat damit den Verschuldungsgrad vieler Zulieferer deutlich in die Höhe steigen lassen. "Die große Mehrheit der Zulieferer wird am Ende des Jahres erheblich an Substanz verloren haben und auf eine deutlich geringere Eigenkapitalbasis zurückgreifen können als im Sommer 2008", sagte Gerhardt. "Für die Zulieferer, deren Eigenkapitalbasis durch die seit über einem Jahr anhaltende Krise angegriffen ist, wird 2010 ein weiteres sehr herausforderndes Jahr."

Die Rahmenbedingungen sind unverändert schwierig. Zum einen müssen die Zulieferer in Forschung und Entwicklung investieren. Zum anderen wirkt sich die Absatzkrise der Autohersteller durch deren Just-in-time-Produktion unmittelbar auf die Lieferanten aus. LBBW-Analyst Sigrist erwartet, dass die Probleme der Zulieferer im Jahr 2010 die Produktion der Autohersteller aufhalten könnten. Die LBBW schätzt Bosch als besten Zulieferer in einer unverändert schwierigen Branche ein, während andere wie etwa der französische Reifenhersteller Michelin vor größeren Herausforderungen stünden.

Der Automobilverband VDA beklagt seit längerem von Banken gekürzte Kreditlinien und höhere Refinanzierungskosten vor allem für mittelständische Zulieferer. In der Automobilbranche besteht ein enges Verhältnis zwischen Herstellern und Lieferanten. Denn die Autobauer haben ihre Lieferanten von Teilen, Systemen und Komponenten in den vergangenen Jahren immer stärker in ihre eigenen Produktions- und Entwicklungsabläufe eingebunden und sie zusätzlich im Preis gedrückt. Grund für die jüngsten Zuliefererpleiten ist aber auch die meist knappe Eigenkapitaldecke der Unternehmen, deren Ursache Marktbeobachter im harten Preiskampf in der Branche sehen.

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