Automobilindustrie
Türkische Autoindustrie wächst durch Export

Die türkischen Automobilhersteller und ihre Zulieferer melden immer neue Produktionsrekorde. Im vergangenen Jahr liefen dort knapp 915 000 Fahrzeuge von den Fließbändern, 6,1 Prozent mehr als im bisherigen Rekordjahr 2004.

ISTANBUL. Die Fabriken waren zu 76 Prozent ausgelastet. Geht das Wachstum so weiter, wird die Produktion bereits 2007 die Grenze von einer Million Fahrzeuge erreichen – drei mal so viel wie 2002.

In der Türkei sind 18 Automobilhersteller mit etwa 40 000 Beschäftigten aktiv. Zusätzlich gibt es noch rund 700 Zulieferer mit weiteren 200 000 Mitarbeitern. Dabei profitiert die Branche vom im Vergleich zu Westeuropa niedrigen Lohnniveau.

Größter Hersteller nach Stückzahlen ist Ford Otosan, ein Joint Venture des US-Konzerns Ford mit der Koc Holding, der größten türkischen Unternehmensgruppe. Ford Otosan hält in der Türkei mit 19,2 Prozent den größten Marktanteil und investiert gerade 225 Mill. Euro in den Ausbau seiner Fertigungsanlagen. Auf Platz zwei liegt Oyak Renault, ein Gemeinschaftsunternehmen der Franzosen mit der türkischen Streitkräfte-Holding Oyak. An der Nummer drei, Tofas, sind die Koc Holding und Fiat mit jeweils knapp 38 Prozent beteiligt. Auf dem vierten Platz rangiert Toyota. Knapp 57 Prozent der türkischen Autoproduktion gingen im vergangenen Jahr in den Export, vornehmlich nach Europa.

Noch ist die türkische Textilindustrie mit Ausfuhrerlösen von 18,7 Mrd. Dollar 2005 die stärkste Exportbranche. Hält das Wachstum so an, dürfte es aber nur eine Frage der Zeit sein, bis die Automobilindustrie, die im vergangenen Jahr 13,7 Mrd. Dollar im Export verdiente, ihr den Rang abläuft. Fast ein Viertel der Exporterlöse entfällt auf die Zulieferindustrie. Sie beliefert zunehmend europäische Produzenten. Ercan Tezer, Generalsekretär des Verbandes der türkischen Automobilhersteller, erwartet mittelfristig eine Verdoppelung der Produktion. Für 2006 rechnet er mit einem Zuwachs von 2,2 Prozent auf 935 000 Fahrzeuge.

Deutsche Automobilhersteller und Zulieferer haben längst die Türkei entdeckt. Schon 1966 begann MAN hier mit der LKW-Produktion. Das Unternehmen baut in Akyurt bei Ankara Busse und Lastwagen. Seit 1967 produziert Mercedes-Benz in der Türkei. „Wir sind bei Reisebussen und LKWs über sechs Tonnen Marktführer in der Türkei", sagt Jürgen Ziegler, Präsident und CEO von Mercedes-Benz Türk. Rund zwei Drittel der hier produzierten Busse gehen in den Export. „Die wichtigsten Stärken dieses Standorts sind die zentrale geografische Lage, der dynamische Markt, kompetente, gut ausgebildete und hoch motivierte Arbeitnehmer sowie eine starke Zulieferindustrie", sagt Ziegler. Auch die EU-Perspektive, die seit 2003 herrschende innenpolitische Stabilität und die jüngsten Wirtschaftsreformen seien positive Rahmenbedingungen. Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts sieht der Mercedes-Statthalter allerdings durch das steigende Lohnniveau, vor allem gegenüber osteuropäischen und asiatischen Konkurrenten. „Das ist insbesondere im Exportgeschäft eine große Herausforderung für uns“, sagt Ziegler.

Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul, veranschlagt die Lohn- und Lohnnebenkosten in der türkischen Automobilindustrie auf umgerechnet sechs bis sieben Euro pro Stunde. „Damit liegen sie zwar deutlich unter dem deutschen Niveau von 35 Euro“, sagt Landau, „aber in Tschechien betragen die Kosten nur vier bis fünf, in Rumänien und Bulgarien nur zwei bis vier Euro.“ Noch wird allerdings ein Großteil der Differenz durch den Produktivitätsvorsprung ausgeglichen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%