Automobilindustrie
UAW besteht ersten Stimmungstest

Der Vertrag, der die Autoproduktion im Norden der USA retten soll, ist 456 Seiten lang: Ron Gettelfinger, Präsident der Auto-Gewerkschaft UAW, sieht in dem Werk „beispiellose Produktionsgarantien“ und einen „totalen Auslagerungs-Stopp“. Gewerkschaftsführer aus 80 General-Motors-Werken haben den neuen Tarifvertrag gebilligt – dennoch gibt es Kritik.

NEW YORK. Vorstandschef Rick Wagoner indes erfreut Investoren des Autokonzerns General Motors (GM) mit „fundamentalen“ Verbesserungen der Kostenstruktur und einer „signifikanten Stärkung“ der Wettbewerbsposition. Wenige Tage nach dem Durchbruch in den monatelangen Tarifverhandlungen zwischen GM und der UAW haben die Verkäufer das Wort übernommen. Wagoner braucht dringend Erfolgsmeldungen, um die chronische Krise beim größten US-Autobauer eindämmen zu können. Und Gettelfinger muss in den nächsten Tagen mehr als 73 000 UAW-Arbeiter überzeugen, dass sie dem vorläufigen Deal mehrheitlich zustimmen.

Einen ersten Stimmungstest hat der UAW-Präsident am Wochenende bestanden: Die Gewerkschaftsführer von mehr als 80 amerikanischen General-Motors-Fabriken haben den über vier Jahre laufenden Tarifvertrag einstimmig gebilligt und UAW-Mitarbeitern die Annahme des überaus komplexen Tarifwerks empfohlen. Die in der Gewerkschaft organisierten Beschäftigten sind jetzt aufgerufen, bis zum 10. Oktober über den neuen Tarifvertrag abzustimmen. Branchenexperten zufolge ist es keineswegs sicher, dass Gettelfinger den Deal durchbekommt. UAW-kritische Gewerkschaftsflügel wie die Organisation „Soldiers of Solidarity“ (Soldaten der Solidarität) fahren im Internet bereits Kampagnen gegen das neue Tarifwerk und kritisieren insbesondere die Übertragung der milliardenschweren GM-Gesundheitslasten in einen von der UAW zu verwaltenden Fonds namens Voluntary Employee Benefit Association (VEBA). Die Gewerkschafts-Soldaten haben das Kürzel bereits umbenannt: „Vandalizing Employee Benefits Again“. Demnach würden die Löhne und Zusatzleistungen der GM-Beschäftigten „erneut zerstört“.

Die UAW-Gewerkschaftsführer haben der Einrichtung des Fonds bereits zugestimmt. Er soll die künftigen Krankenversicherungsverpflichtungen bei GM für rund 340 000 Betriebsrentner und deren Angehörige von 2010 an übernehmen. GM zahlt dafür 29,9 Mrd. Dollar (21 Mrd. Euro) in den Fonds ein und übernimmt die von 2008 bis 2010 anfallenden Krankenversicherungskosten von 5,4 Mrd. Dollar. Zudem hat GM weitere Zahlungen von insgesamt bis zu 1,6 Mrd. Dollar zugesagt, falls sich herausstellen sollte, dass die Fondsausstattung über die nächsten 20 Jahre nicht ausreicht.

In der Vergangenheit sind die Kosten für medizinische Leistungen in den USA exorbitant gestiegen. Wird die Fondslösung realisiert, müsste künftig die Gewerkschaft und nicht mehr die Firmenleitung ihren Pensionären erklären, dass finanzielle Leistungen für Krankenbesuche eingeschränkt und die Zeiten schwerer werden. „Stimme mit Nein, bis du die gesamte Wahrheit weißt“, raten deshalb die „Soldiers of Solidarity“.

Um UAW-Mitarbeitern die Unterschrift zu versüßen, sollen sie einen Abschlussbonus von 3 000 Dollar pro Person erhalten. Dafür müssen sie aber auch einem zweiteiligen Lohnsystem zustimmen, das fortan nur noch 14 bis 16 Dollar Stundenlohn für neu eingestellte Hilfskräfte wie beispielsweise Fahrer vorsieht. Den momentan zu deutlich höheren Löhnen in diesen Funktionen eingesetzten 16 000 Bediensteten sollen Abstandsangebote gemacht werden. Im Gegenzug hat GM Produktionszusagen für US-Werke abgegeben. In Detroit soll weiter gebaut werden: Nur viel günstiger als bisher.

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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