Automobilindustrie
Zulieferer verlieren den Glauben an Deutschland

Für die Automobilzulieferer bleibt der deutsche Markt schwierig. Der Kostendruck steigt, Wachstum erwarten sie fast nur noch im Ausland. Für manche wird der Wandel zu Existenzfrage.
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DüsseldorfObwohl der Absatz in Europa wieder anzieht, sehen die Automobilzulieferer nur wenig Wachstumspotential im Heimatmarkt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Umfrage des Center of Automotive Management (CAM) der FHDW Bergisch Gladbach unter 125 hochrangigen Managern von Zuliefererunternehmen in Deutschland. Die Branche, die bundesweit 850.000 Menschen beschäftigt, verliert zunehmend das Vertrauen in die Heimat.

54 Prozent glauben, dass der Standort an Bedeutung verlieren wird – nicht nur bei der Produktion, sondern auch bei der Entwicklung. Auch wenn die Industrie in Deutschland als stark verwurzelt gilt, haben sich die meisten längst auch Richtung Ausland orientiert. Über die Hälfte aller Befragten Unternehmen ist bereits in China aktiv, weitere 15 Prozent denken über ein zusätzliches Engagement in Fernost nach. In Westeuropa liegt dieser Wert gerade einmal bei rund zwei Prozent.

Die Blick in die Ferne hat strategische Gründe: In der Branche gilt nur als überlebensfähig, wer sich internationalisiert. Doch in einigen einst hoffnungsvollen Märkten werden die Zulieferer vorsichtig. Die Russlandkrise hat nach Ansicht der Studienautoren Spuren hinterlassen. Nur noch neun Prozent wollen heute noch in Russland investieren. Vor der Ukraine-Krise hatte hier noch jeder vierte Zulieferer eigene Pläne verfolgt. Noch schlechter sieht die Lage in Osteuropa aus, dort knickte die Investitionsbereitschaft um zwei Drittel ein.

Insbesondere kleine Zulieferer stecken in der Klemme: Ihr Geschäft auf dem stagnierenden Heimatmarkt wird wohl auch künftig nicht mehr wachsen – und bei der Innovation, Internationalisierung und den Kosten können sie nicht mit den großen Zulieferern mithalten. Nicht alle bringen genug Kapital mit, um den Wachstumskurs mitzugehen.

Wer groß ist, hat im schwierigen Umfeld eine höhere Chance zu überleben – auch das zeigt die CAM-Studie. Fast zwei Drittel aller Zulieferer mit mehr als 500 Angestellten rechnen mit einer positiven Geschäftsentwicklung im Jahr 2016, nur zehn Prozent blicken pessimistisch ins nächste Jahr. Im zurückliegenden Jahr hatten 59 Prozent aller befragten Unternehmen bereits die Mitarbeiterzahl erhöht, während nur acht Prozent Rückgänge zu verzeichnen hatte.

Doch der zunehmende Kostendruck durch die Autohersteller wird für die Zulieferer zunehmend zur existenziellen Belastung. 54 Prozent aller Befragten fürchten sogar um die eigene Existenz, wenn der Kostendruck weiter steigen sollte. Bei kleinen Zulieferern sind es sogar 64 Prozent. In Zeiten, in denen der Marktführer Volkswagen über Effizienzprogramme verhandelt, geht unter den Zulieferern die Angst vor der Sparkeule um. Zwei Drittel aller Befragten fürchten zudem, dass ein preisgetriebener Einkauf auch für Qualitätsprobleme sorgen könnte. Eine Einschätzung, die in Zeiten millionenfacher Rückrufe durchaus als Warnung verstanden werden kann.

Kommentare zu " Automobilindustrie: Zulieferer verlieren den Glauben an Deutschland"

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  • In Deutschland wird allenfalls in Erhaltung nicht aber Erweiterung investiert.
    Kaum ein Unternehmen bleibt hier. Euro, EEG und Mindestlohn treiben kostenbewußte Unternehmen aus dem Lande - lange bereits und noch wenig bemerkt.

  • Ein Ersteller einer Studie muss sich wirklich Gedanken darüber machen, ob er sich nicht vor einen Karren spannen lässt. Diese dunklen Szenarien erinnern mich immer an einen alten Bauernwitz. Da jammert ein Bauer: "der Winter war zu kalt, das Frühjahr zu feucht, der Sommer zu trocken und zu all dem Übel war im Herbst die Scheune zu klein, für die Ernte einzufahren". Aber Spaß beiseite. Deutsche Automobilhersteller beherrschen mittlerweile einigermaßen die Methoden des Leanmanagements und drücken damit auf die Preise der Zulieferer. Doch viele Zulieferer arbeiten noch immer nach alter Väter Sitte. Zwangsläufig müsste in Softskills und entsprechend qualifizierte Leute investiert werden, was aber Änderungsprozesse nach sich zieht. Nicht jedermanns Sache. Aus eigerenr Erfahrung kann ich sagen, der Standort Deutschland ist hervorragend, wenn man die Stärken zu nutzen weis. Dann kann man sogar Produkte wettbewerbsfähig nach China liefern - ich rede nicht von Werkzeugmaschinen, sondern von Commodity-Produkten.

  • Kommt niemand auf die Idee, dass Grund dieses Artikels, die kommenden meinungsbildenden Beiträge der hochgeschätzten Wirtschaftsblätter, zu Lohnkostensenkungen sein werden? Sagen wir 30%. Dann ist doch alles wieder gut, lieber Lohnempfänger 😉

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