Automobilkonzern hat das Bild der Stadt geprägt: Turin hat mehr zu bieten als nur Fiat

Automobilkonzern hat das Bild der Stadt geprägt
Turin hat mehr zu bieten als nur Fiat

Die Touristik-Werber in der piemontesischen Kapitale hören es nicht gerne, wenn immer wieder der Spruch zitiert wird: „Turin ist Fiat. Und Fiat ist Turin.“ Denn die Fast-Millionen-Stadt bietet in der Tat mehr als industrielle Reize.

HB TURIN. Schlösser und Kathedralen, prächtige Straßenzüge und arkadengesäumte Plätze, das legendäre Grabtuch Christi und Erinnerungen an die große cineastische Vergangenheit der Stadt prägen die Geschichte der Stadt. In Turin kann man reiche Kunstschätze bestaunen und die Köstlichkeiten von Pralinen und Trüffeln genießen.

Mehr noch: Voller Stolz heißt es, die einstige Hauptstadt Savoyens, sei „Motor der italienischen Einigungsbewegung“ gewesen. Und spätestens jetzt muss wohl doch der Motor erwähnt werden, der Turins Entwicklung von der Residenzstadt zur Wirtschaftsmacht auf Touren gebracht hat: Die 1899 gegründete Fabbrica Italiana di Automobili Torino, besser bekannt unter ihrer Abkürzung Fiat.

Der lange Name ist bezeichnend. Er verweist auf die Stadt und den Staat zugleich, verknüpft das Schicksal der regionalen mit der nationalen Wirtschaft. Hinter dem Kürzel verbergen sich Macht und Abhängigkeit. Fiat ist nicht nur Turin, es ist Italien: Der Konzern steuert rund fünf Prozent zum Sozialprodukt des Landes bei. Die Gründer- und Großaktionärsfamilie Agnelli ist noch immer einer der reichsten Industrieclans der Apenninenhalbinsel.

Die Autoherrscher im Konzernhauptquartier haben Turin ebenso geprägt wie zuvor die savoyardischen Herrscher im Schloss. Die ziehen im 19. Jahrhundert als Könige nach Rom. Die neue Gegenwart in Turin gehört im 20. Jahrhundert den Industriellen. Das Fiat-Werk im Stadtteil Lingotto, gebaut in den dreißiger Jahren, wird schnell zu einer weltweit bewunderten Ikone der Industriearchitektur – berühmt vor allem für ihre mehrstöckige, riesige Fabrikhalle mit einer Versuchsstrecke auf dem Dach. Am Corso Dante, abseits von der Fabrik, etabliert sich die Hauptverwaltung.

Schon bald kommen die ersten Arbeiter aus Italiens Süden – einer Welt, die völlig anderes ist als die im Piemont. Die Fremden aus Sizilien oder Apulien hausen in schnell hochgezogenen Wohnsilos, lärmen und sind lebenslustiger als die an Strenge und Ordnung gewöhnten Alteingesessenen, die über die „Meridionali“ die Nase rümpfen. Aber man braucht sie im ständig wachsenden Konzern.

Der baut bald nicht nur Personenwagen, sondern auch Lastwagen und Flugzeuge, Straßen- und Eisenbahnen, stellt Land- und Baumaschinen her, Autozubehör und Roboter, schmelzt Metalle und fertigt Herzschrittmacher, investiert schließlich seine Gewinne in weit entfernte Geschäftsfelder wie Handel und Versicherungen.

Das Tempo der Veränderungen nimmt dabei nach dem zweiten Weltkrieg deutlich zu. „Das Auf und Ab bei Fiat – das ist nun mal ein Teil meines Lebens und der Industriegeschichte“, resümierte Sippenchef Giovanni Agnelli gern.

Mit Beginn von Italiens Wirtschaftswunder – nicht minder imponierend als das deutsche – strömen immer mehr Gastarbeiter aus dem armen, agrarischen Süden Italiens in den industrialisierten Norden. In Turin entsteht die neue Fabrik Mirafiori als Ersatz für das veraltete Werk Lingotto. Fiat expandiert, die Bevölkerung der Autostadt und ihrer Vororte wächst in die Millionen- Dimension. Und keine Stadt Europas in dieser Größe hängt so sehr an einem einzigen Unternehmen wie Turin.

Draußen auf den Hügeln wohnt der Agnelli-Clan, drinnen in der Stadt regieren die Fiat-Manager so machtvoll und verschwiegen, dass sie selbst in einem Kriminalroman der Turiner Autoren Fruttero und Lucentini auftauchen. Heftige Kritik der Presse muss niemand bei Fiat fürchten, denn die lokale Zeitungsgroßmacht „La Stampa“ gehört den Agnellis – ebenso wie der Fußballclub „Juventus“, der immer wieder zum vielgefeierten Meister wird.

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