Autozulieferer Karmann
Klares Feindbild gesucht

Früher galt eine Anstellung beim Autozulieferer Karmann als sichere Bank bis zur Rente. Heute droht dem Traditionsunternehmen das Aus. Jetzt kämpfen Familie, Firmenspitze und Arbeitnehmervertreter nach dem angekündigten Stellenabbau darum, Jobs für die Zukunft zu retten. Eine Handelsblatt-Reportage.

OSNABRÜCK. Punkt 10 Uhr tritt Wilhelm Dietrich Karmann mit einem Mikrofon in der Hand vor die Frühschicht im westfälischen Rheine. Gut 500 Augenpaare ruhen auf ihm. Sichtlich bewegt liest Karmann seine Sätze vom Blatt ab; freie Rede liegt dem Gesellschafter und Finanzchef nicht – zumindest nicht in dieser Situation. Ein Strategiewechsel der Hersteller angesichts von Überkapazitäten in der Autoindustrie zwängen zum Handeln, sagt er: „Durch den Wandel ist es uns nicht möglich, den Fahrzeugbau in Rheine auszulasten.“ Unverschuldeterweise müsse man den Betrieb schließen. Es ist der erste Montag im Oktober – ein guter Start in die Woche sieht völlig anders aus.

In Rheine fertigt die Wilhelm Karmann GmbH, benannt nach dem Großvater, das Audi A4 Cabrio – allerdings nur noch elf Monate lang. Künftig wird Audi, die Tochter von VW, das Nachfolgemodell in Eigenregie in Ingolstadt bauen. Wilhelm Dietrich Karmann ist „persönlich enttäuscht“, spricht von „emotionaler Betroffenheit“. Mitarbeiter zeichnen seine Ansprache für die Spätschicht auf. Gegen 14 Uhr wissen gut 1 000 Mitarbeiter, dass 900 von ihnen den Arbeitsplatz verlieren werden, nach im Schnitt 24 Jahren im Betrieb.

„Die Motivation vieler ist gedrückt“, sagt Peter Harbig, seit 16 Monaten Sprecher der Geschäftsführung. Er hat parallel die Mitarbeiter in Osnabrück von der Laderampe eines LKWs aus informiert. Am Stammsitz verlieren 870 ihren Job. 1 770 Stellen streicht das Unternehmen in den nächsten Monaten insgesamt im Fahrzeugbau. Brutale Tücke des deutschen Arbeitsrechts: Keiner weiß momentan, wen es trifft und wer bleiben darf. Die gut Ausgebildeten und die Jungen werden längst von der Konkurrenz angesprochen.

Am Montag beginnen in Rheine die Verhandlungen mit den Vertretern der Geschäftsführung. Bis spätestens Dezember muss ein Ergebnis vorliegen. Hartmut Riemann, erster Bevollmächtigter der IG Metall Osnabrück, rechnet vor, was die Entlassungen für die Region bedeuten. „Im Schnitt hängen an jedem Karmann-Mitarbeiter 2,7 Angehörige, die er ernähren muss. Auf jeden Arbeitsplatz kommen mindestens drei weitere Jobs bei Lieferanten, Dienstleistern und im Handwerk.“ Unter dem Strich seien das 12 000 Menschen.

„Ich kann verstehen, dass die Mitarbeiter wütend sind“, sagt der Enkel des Firmengründers. Zu Zeiten seines Großvaters galt eine Anstellung beim heute 106 Jahre alten Traditionsunternehmen als sichere Bank bis zur Rente. Autos wie das VW Käfer Cabriolet oder der in Turin designte und in Osnabrück gebaute VW Karmann Ghia brachten frischen Wind in die Nachkriegszeit.

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