Baustoffkonzerne fühlen sich durch den Naturschutz in ihrem Bestand bedroht
Siegeszug der Fledermaus

Immer mehr Flächen werden im dicht besiedelten Deutschland für bedrohte Flora und Fauna unter Schutz gestellt. Das beeinträchtigt die Bauvorhaben von Unternehmen wie Heidelberg Cement, Dyckerhoff und Schaefer Kalk erheblich.

DÜSSELDORF. Im Naturschutzgebiet „Sieben Buckel“ im Landkreis Neustadt an der Aisch gibt es echte Raritäten wie das Adonisröschen und die Purpur-Schwarzwurzel. Heidegrashüpfer und Erdbock, ein Käfer, fühlen sich hier in einer der letzten vier Gipssteppen Bayerns pudelwohl. Doch wie lange noch? Denn der Gipskonzern Knauf will gleich nebenan Gips abbauen. Das Naturidyll, fürchten Umweltverbände, ist massiv bedroht. Knauf streitet das ab und will seine Pläne vor Gericht durchboxen.

Es handelt sich hier nicht um eine Provinzposse aus Bayern. Vor ähnlichen Problemen wie Knauf steht Heidelberg Cement beim Kiesabbau auf Rügen, Dyckerhoff im Teutoburger Wald und Schaefer Kalk in Rheinland-Pfalz. Die Baustoffbranche hat mit possierlichen Tierchen wie der Gelbbauchunke und Pflanzen wie dem Bienen-Ragwurz ein echtes Problem. Einfach plattmachen, wie früher, ist nicht mehr.

Immer mehr Flächen werden im dicht besiedelten Deutschland für bedrohte Flora und Fauna unter Schutz gestellt. „In Bayern sind mittlerweile 63 Prozent der Landesfläche als Schutzfläche ausgewiesen“, sagt Gernot Schaefer, Präsident des Bundesverbands Baustoffe Steine und Erden. Neue Genehmigungen für Rohstoffgewinnung seien fast unmöglich geworden. Die Branche mit 6 400 Betrieben, 137 000 Mitarbeitern und 21 Mrd. Euro Umsatz ist auf heimische Rohstoffe angewiesen. Importe sind viel zu teuer. Umweltschutz treibt aber die Kosten hoch und führt zu Zeitverzögerungen.

Deutschlands zweitgrößter börsenotierter Zementkonzern Dyckerhoff hat ein Problem mit dem Waldmeister-Buchenwald. Er soll demnächst unter Naturschutz gestellt werden. Dyckerhoff-Chef Wolfgang Bauer sieht seine Investitionspläne massiv gefährdet und droht nach 130 Jahren Kalkabbau – aber rechtzeitig vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen – mit dem Verlust von 500 Arbeitsplätzen am Rande des strukturschwachen Teutoburger Waldes. Denn sollte das Abbaugebiet Naturschutzareal werden, bleibt der Uhu künftig im Steinbruch allein.

Bei Schaefer Kalk sind es die Fledermäuse, genauer: Braunes Langohr und Fransenfledermaus. „Die Fledermausfrage“, sagt Verbandspräsident und Kalk-Unternehmer Schaefer, „ist fast ein Totschlagargument.“ Er will ein Werk im schönen Dörrebachtal erweitern. Nun muss er Gutachten bezahlen und sich langwierig mit den Behörden herumschlagen, um zu beweisen, dass die Fledermäuse problemlos umziehen. Außerdem verweist er auf die Renaturierungsarbeit der Branche: „Wir haben eine Falkenpopulation im aufgelassenen Steinbruch und jede Menge Eulen“, sagt er mit leuchtenden Augen. Außerdem gebe es nachweislich eine auffällige Vermehrung bei den Gelbbauchunken.

Für den Generalsekretär des Deutschen Naturschutzringes, Helmut Röscheisen, hat Naturschutz natürlich Vorrang vor Nutzung. Angesichts der Baukrise witterten die Firmen jetzt Morgenluft im Kampf gegen den Naturschutz. Dies sei kurzsichtig, meint er trocken und ruft zu Kompromissen auf. Schaefer und Bauer sind durchaus kompromissbereit – und ihr Angebot klingt vernünftig: Zeitweise Nutzung und dann Renaturierung. Schließlich soll es nicht so weit kommen, dass nach der Gelbbauchunke der Baustoffunternehmer auf die Rote Liste der bedrohten Arten gesetzt wird.

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