Favoritenwechsel in der deutschen Großchemie: Erstmals seit 2002 hat Bayer
wieder einen höheren Börsenwert als die BASF
. Im Falle einer globalen Konjunkturkrise gilt das Gesundheits- und Pharmageschäft der Leverkusener als weniger gefährdet als die Chemieaktivitäten der BASF
. Vor allem die Pharmastrategie konnte die Anleger überzeugen.
Erstmals seit 2002 überflüglte der Börsenwert des Chemieriesen Bayer den Konkurrenten BASF. Foto: ap
FRANKFURT. Die bessere Bewertung gilt als Indiz für das wachsende Vertrauen des Kapitalmarkts in die Pharmastrategie des Konzerns. Dagegen erscheint Anlegern das Chemiegeschäft von BASF
eher von einer Rezession bedroht.
Unter dem Einfluss der Lipobay-Krise war die Bayer
-Aktie kurz nach dem Amtsantritt von Vorstandschef Werner Wenning auf anhaltende Talfahrt gegangen. Zwischenzeitlich lag der Konzern beim Börsenwert um mehr als zehn Mrd. Euro hinter dem Konkurrenten.
Für langfristig orientierte Investoren liefert die BASF
nach wie vor die besseren Resultate. Denn unter diesem Blickwinkel sind weitere Faktoren zu berücksichtigen: Einerseits muss man Bayer
zwar den Börsenwert des Chemiekonzerns Lanxess
zurechnen, den der Konzern vor drei Jahren per Spin-off an die eigenen Aktionäre ausgliederte. Andererseits zahlte die BASF
höhere Dividenden und kaufte im großen Stile eigene Aktien zurück. Bayer
konnte sich dagegen keine Rückkäufe leisten und benötigte stattdessen eine Kapitalerhöhung von mehr als einer Mrd. Euro, um die Schering
-Übernahme zu finanzieren.
Fasst man Wertzuwachs, Dividenden und Rückkäufe zusammen, hat BASF
seit April 2002 knapp 28 Mrd. Euro an "Wert" für die Aktionäre generiert, Bayer
lediglich 20 Mrd. Euro. Für die gesamten acht Jahre seit Beginn des Jahrzehnts fällt ein solcher Vergleich mit 26 Mrd. Euro zu knapp 15 Mrd. Euro sogar noch ungünstiger für Bayer
aus.
Strategisch gingen die beiden Nachfolgefirmen des IG-Farben-Konzerns in den vergangenen Jahren eher getrennte Wege. Direkte Konkurrenten sind sie nur noch in der Agrochemie und im Kunststoffgeschäft. Diese Sparten repräsentieren bei Bayer
rund die Hälfte des Umsatzes, bei BASF
noch knapp ein Drittel. Bei dem Ludwigshafener Konzern spielen stattdessen Öl und Gas sowie ein breites Sortiment an chemischen Grund-, Zwischen- und Spezialprodukten die entscheidende Rolle. Bei Bayer
dominiert seit der Schering
-Übernahme das Pharma- und Gesundheitsgeschäft.
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.
Die Ertragszahlen der vergangenen fünf Jahre sprechen dabei klar für den Chemiekonzern BASF
. Seit 2003 erwirtschaftet er im operativen Geschäft einen freien Cash-Flow von durchschnittlich gut drei Mrd. Euro pro Jahr, etwa doppelt so viel wie Bayer
. Auch der Betriebsgewinn sowie Umsatz- und Kapitalrenditen sind bisher deutlich höher als bei Bayer
und dürften auch 2007 die Werte der Leverkusener übertreffen. Analysten erwarten dabei für beide Konzerne im Gesamtjahr weitere operative Ertragssteigerungen, wobei Bayer
zusätzlich von einem Sondergewinn aus dem Verkauf der Labordiagnostika-Sparte (an Siemens)
profitiert. Die BASF
legt ihre Zahlen am Donnerstag vor, Bayer
folgt eine Woche später. Mit großer Spannung werden vor allem die Aussagen der beiden Konzerne zum Jahr 2008 erwartet.
Was die mittelfristigen Perspektiven angeht, sehen Investoren derzeit offenbar bei Bayer
die besseren Karten. Darauf deutet unter anderem das deutlich höhere Kurs-Gewinn-Verhältnis. Grundlage dafür sind vor allem die überwiegend optimistischen Einschätzungen für das Gesundheits- und Pharmageschäft der Leverkusener. Es gilt im Falle einer globalen Konjunkturflaute als wesentlich weniger gefährdet als die umfangreichen Chemieaktivitäten der BASF
.
Als Stärke von Bayer
gilt unter anderem die Tatsache, dass im Pharmageschäft relativ wenige reguläre Patentabläufe bevorstehen und gleichzeitig einige Neuentwicklungen wie das Krebsmittel Nexavar und das Thrombosemittel Xarelto relativ hohe Wachstumschancen bieten. Analysten von JP Morgan
sprachen jüngst gar von der "Festung am Rhein" mit Blick auf die konjunkturrobusten Eigenschaften des Leverkusener Konzerns. Sie sehen bei Bayer
nur knapp 40 Prozent des Geschäfts vom allgemeinen Wirtschaftswachstum abhängig, bei BASF
dagegen rund 80 Prozent.
Mit den Strukturen verändern sich auch Risiken und externe Einflussfaktoren. Während bei BASF
Weltkonjunktur, Ölpreis und die Kapazitätssituation in der Chemiebranche den Rahmen vorgeben, gewinnen für Bayer
spezifische Risiken im Pharmageschäft an Gewicht. Dazu gehört etwa der Patentstreit um das umsatzstarke Verhütungsmedikament Yasmin, der möglicherweise in den nächsten Wochen entschieden wird. Fällt das Urteil negativ aus, könnte Bayer
einen Wachstumsträger verlieren.
Beim Thrombosemittel Xarelto, dem Analysten Umsätze von mehr als fünf Mrd. Euro zutrauen, muss der Konzern zunächst noch die Sicherheit für den Einsatz in der Langzeitbehandlung nachweisen.

