Bayer und Evotec
Im Kampf gegen Nierenversagen

Der Pharma- und Chemiekonzern Bayer hat sich mit dem Biotechunternehmen Evotec zusammengetan, um ein neues Medikament gegen Nierenversagen zu entwickeln. Doch die Forschungs-Allianz hat noch einen weiten Weg vor sich.
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Die Zahlen sind erschreckend: Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland, schätzt die Gesellschaft für Nephrologie, leiden an eingeschränkter Nierenfunktion. Rund 80.000 Patienten sind hierzulande auf eine regelmäßige Blutwäsche, die sogenannte Dialyse, angewiesen, 20.000 leben mit einer Spenderniere. Und noch weitaus dramatischer wirken die Daten aus den USA. Dort sind nach Schätzung der Behörde für Krankheitskontrolle (CDC) bis zu 20 Millionen Menschen von Nierenerkrankungen betroffen, viele ohne es zu wissen.

Der Bedarf für bessere Therapien ist daher im Prinzip riesig. Trotzdem spielt der Bereich in der Medikamentenforschung bislang eher eine untergeordnete Rolle – im Schatten von Herzkreis-Erkrankungen und Diabetes, die wiederum als Hauptverursacher von Nierenerkrankungen gelten. In diese Lücke wollen Bayer und Evotec mit einer Forschungs-Allianz stoßen, die sie vor wenigen Wochen vereinbart haben.

Ziel ist es, neue, bessere Medikamente zu entwickeln, um den schleichenden Funktionsverlust der Nieren zu verzögern oder komplett zu stoppen. „Wenn man das schafft, könnte man verhindern, dass Menschen dialysepflichtig werden“, schätzt Jörg Moeller, Leiter der Pharmazeutika-Entwicklung bei Bayer. Und selbst wenn es nur gelinge, die Nierenschädigung zu verzögern, zeigt sich Evotec-Chef Werner Lanthaler überzeugt, „hätte das bereits einen dramatischen Effekt auf die Kosten im Gesundheitswesen.“

Für etwa drei Viertel aller Fälle von chronischem Nierenversagen sind Vorerkrankungen wie Diabetes und Herzkreislaufkrankheiten verantwortlich. Sie führen dazu, dass die feinen Blutgefäße der Niere nach und nach verstopfen und dadurch die Filterfunktion des Organs gestört wird. Nierenversagen wird darüber hinaus aber auch durch Entzündungen und andere, noch unbekannte Ursachen ausgelöst.

Ob es den Allianzpartnern tatsächlich gelingt, solche Funktionsstörungen mit neuen Medikamenten zu beheben, wird sich indessen erst im kommenden Jahrzehnt zeigen. Denn die Forschungs-Allianz hat noch einen weiten Weg vor sich.

Sie setzt zunächst einmal in einer sehr frühen Phase der Medikamentenentwicklung – der Suche nach günstigen molekularen Angriffspunkten für potenzielle Wirkstoffe – an. Immerhin bringen beide Partner bereits mehrere solcher „targets“ in die Kooperation ein.

Spätestens in etwa fünf Jahren, hofft Moeller, könnten aus der Allianz die ersten Wirkstoffkandidaten in klinische Tests gehen, also an Menschen erprobt werden. Auch danach wird es – selbst wenn alles gut läuft – noch einige Jahre dauern, bis konkrete Medikamente auf den Markt kämen. Vor Mitte des kommenden Jahrzehnts können Patienten daher kaum mit konkreten Ergebnissen aus der Bayer-Evotec-Initiative rechnen.

Das Langfristprojekt beleuchtet die strategische Zielrichtung beider Partner: Für Bayer geht es vor allem darum, die frühe Forschungs-Pipeline zu verbreitern und die Grundlagen für das Geschäft im nächsten und übernächsten Jahrzehnt zu legen. Mit 14 Milliarden Euro Arzneimittelumsatz ist Bayer derzeit Deutschland größter und auch wachstumsstärkster Pharmakonzern. Neuere Medikamente wie der Gerinnungshemmer Xarelto und das Augenmittel Eylea geben dem Geschäft derzeit kräftigen Schub. Viele Analysten sind jedoch skeptisch, ob der Konzern über genügend Produktnachschub für die kommenden zehn Jahre verfügt, wenn etwa ab 2024 die Patente auf die aktuellen Bestseller auslaufen.

Eine Herausforderung für den Konzern besteht darin, dass er es sich als nur mittelgroßer Akteur in der Pharmabranche nicht leisten kann, seine Wetten in der Pharmaforschung endlos breit zu streuen – zumal er nun auch die Riesenakquisition von Monsanto stemmen muss. „Wir können nicht den Anspruch verfolgen, auf jedem Therapiegebiet tätig zu sein“, räumt Moeller ein.

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