Bedrückende Gegenwart der Marke Mercedes
Reportage: Vergessene Stern-Stunden

Bei Mercedes herrscht ein Machtvakuum. Nach dem Rückzug des obersten Konzernlenkers Jürgen Schrempp will auch Eckhard Cordes das Unternehmen verlassen. Nicht das einzige Problem: Denn auch der Mythos der Marke ist nachhaltig beschädigt.

DÜSSELDORF. Es ist Montag und noch ziemlich früh am Morgen. Nebel liegt über dem toten Arm der Sieg. Gleich gegenüber bei der RKG, einem der großen Daimler-Vertriebs- und -Service-Partner im südlichen Rheinland, finden sich die ersten Kunden ein. Inspektionen, Reparaturen, aber auch Interessenten für die neue R-Klasse. Die Familienkutsche, eine Mischung aus Van und Kombi, soll bald auf den deutschen Markt kommen. Nur leider, leider ist das Prospektmaterial gerade nicht verfügbar. Dafür liegt ausgebreitet auf einem Tisch die lokale Presse, ein Bericht ist übertitelt mit „Führungskrise bei Mercedes“.

„Was ist denn da los?“ will ein Kunde wissen. Ein Angestellter in Sommerhemd samt Krawatte und blitzender Nadel entgegnet nur: „Hören Sie bloß auf, ich kann das Wort Krise nicht mehr hören, wir haben viel zu viele davon.“

Der Mann, der Mercedes mit in diese Situation gesteuert hat, heißt Eckhard Cordes und hat sein Büro im 13. Stock der Stuttgarter Zentrale. Ein Mann, der seinen Job als Markenchef erst vor wenigen Monaten angetreten hat. Und der ankündigte, „konsequent und kompromisslos“ auf die Probleme in seinem Unternehmen zu reagieren: auf den Skandal um illegale Grauimporte im Vertrieb, auf das schwache Mercedes-Abschneiden bei Qualitätsstudien und die sinkenden Absatzzahlen.

Jetzt aber will Cordes nach dem Rückzug des obersten Konzernlenkers Jürgen Schrempp ebenfalls das Unternehmen verlassen. Gestern wurde bekannt, dass Cordes einen Großteil seiner Aktien-Optionen umgewandelt und verkauft hat. So agiert keiner, der an die Zukunft des Unternehmens glaubt. Und so hat er mit seinem Verhalten nicht nur die aktuelle Krise in Stuttgart verschärft, sondern auch noch versinnbildlicht, dass Mercedes zwar eine Marke mit einer großen Vergangenheit ist, aber auch mit einer bedrückenden Gegenwart. Peter Schmidt, Herausgeber des britischen Branchendienstes AID, sagt es kurz und knapp: „Das Image von Mercedes ist weltweit in Gefahr.“

Ein über Jahrzehnte blitzsauberes Image, das nach dem zweiten Weltkrieg nicht nur den technischen Fortschritt im Automobilbau verkörpert, sondern auch als Synonym für den Wiederaufstieg Deutschlands taugt und so zum Statussymbol der Nachkriegsgeneration wird – ähnlich wie es Michael Rutschky in seiner Rezension über Alain de Bottons Buch „Statusangst“ beschreibt. Dort wird von einem goldenen Mercedes berichtet und der automobilen Leidenschaft eines Portiers. Einer Zuneigung, die sich aus der gesellschaftlichen Statushierarchie und der Symbolik des Autos speist und die ihn, den kleinen Mann, zum Kauf verführt.

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