"Bei uns ist eine Sparte immer Kerngeschäft"
Kapitalbeteiliger werden in der Chemischen Industrie wichtiger

Während sie in den USA traditionell in der stark zyklischen Branche engagiert waren, haben sie in Europa die Chemie erst in den vergangenen fünf Jahren entdeckt. Seither haben sie meist durch Finanzierung von Management Buy-Outs ein milliardenschweres Portfolio von Beteiligungen aufgebaut.

abo DÜSSELDORF. Im Strukturwandel der Chemischen Industrie spielen Kapitalbeteiligungsgesellschaften als Käufer von Randaktivitäten eine immer größere Rolle. Das wird das Gesicht der Industrie in absehbarer Zeit gravierend verändern: Beim geringsten Anzeichen eines Aufschwungs dürften die Fonds ihre inzwischen auf Effizienz getrimmten Beteiliguzngen wieder zum Verkauf stellen und könnten damit eine beispiellose Übernahmewelle in der Branche auslösen. Denn auch im Zyklusboden hat die Chemie ihre Kapazitäten knapp gehalten - wenn die Nachfrage jetzt wieder anzieht, werden die Chemiefirmen der Beteiliger wohl heiß begehrt sein.

Auf weit mehr als 15 Mrd. Euro Transaktionsvolumen summieren sich allein 25 größere Deals der letzten zwei Jahre: Mit ihnen haben Private-Equity-Fonds nicht mehr zum Kerngeschäft zählende Sparten von Chemiekonzernen übernommen und diesen damit eine Neuausrichtung ermöglicht. Dabei erreichten mit Henkels Cognis-Sparte, dem Hoechsts Gasehersteller Messer Griesheim und der früheren Astra-Zeneca-Spezialdivision Avecia allein drei Deals eine Größenordnung von über 2 Mrd. Euro - ein Volumen, das Kapitalbeteiligern früher nie zugetraut worden war.

"Chemie und Pharma konsolidieren augenblicklich weit konsequenter als alle anderen Branchen", sagt Thomas Spinner, der bei der für ihre Chemieexpertise bekannte Fondsgesellschaft Advent International unter anderem den Erwerb der Degussa-Sparte Viatris für rund 350 Mill. Euro mit eingefädelt hat. Die Initialzündung hätten Hoechst, Rhône-Poulenc, Ciba Geigy und Sandoz gegeben, deren Pharma-Nachfolger Aventis und Novartis zahllose Chemiebeteiligungen an den Markt gebracht hätten. Die Runderneuerung, der sich viele Konzerne seither verschrieben hätten, "bringt uns einfach viele gute Gelegenheiten."

Denn es sind keineswegs überwiegend abgewirtschaftete Sparten, die dabei an den Markt kommen. "Man kann die gegenwärtige Restrukturierung der Chemie durchaus als Chance sehen", meint auch Reinhard Löffler, Vorstand bei der börsennotierten Deutsche Beteiligungs AG. Er hat die Übernahme der Akzo-Nobel Papierchemiesparte Casco für etwa 115 Mill. Euro mit arrangiert. Allerdings müssten die Finanzinvestoren die Spreu vom Weizen trennen und sich wenig zyklische Sparten aussuchen, deren Produkte zudem nicht ohne weiteres substituierbar seien.

Allerdings ist selbst den Experten unter den Kapitalbeteiligern, die wie Spinner etwa früher selbst bei Chemie- und Pharmakonzernen Business Units geleitet haben, klar, dass sie für eine Wertsteigerung ihrer Beteiligungen kompetente Manager brauchen. So bleiben bei den meisten Deals die früheren Spartenchefs als Miteigentümer an Bord. "Man muss Leute haben, die den Sektor verstehen", sagt Unternehmensberater Sven-Uwe Vallerien, Chemieexperte bei A.T. Kearney. "Man kann solche Geschäfte nicht nur über Kennzahlen steuern."

Der Wechsel zu Private-Equity-Investoren kann für die von ihren Mutterkonzernen verstoßenen Sparten große Vorteile haben. Als Randgeschäfte hatten sie nie ausreichend Management- und Finanzressourcen erhalten, um sich optimal entwickeln zu können. "Für uns dagegen ist ein akquiriertes Geschäft immer Core Business", sagt Löffler. Und Advent hat seiner Beteiligung Vinnolit erst einmal eine flammneue PVC-Produktion für 100 Mill. Euro hingestellt. "Damit ist sie in diesem geringmargigen Geschäft klar Kostenführer", sagt Spinner - ein Schritt, vor dem sich die früheren Eigner jahrelang gedrückt hatten.

"Anders als die Chemiekonzerne trimmen die Finanzinvestoren ihre Beteiligungen emotionslos auf Effizienz", sagt Vallerien. Sie höben verdeckte Effizienzreserven und förderten neue Geschäftsfelder, für die den früheren Konzernmüttern der Blick gefehlt habe. Und von Beginn an halten sie ein Auge auf Entwicklungen bei Wettbewerbern, die einen späteren Weiterverkauf ermöglichen könnte.

Neutrale Beobachter allerdings sind skeptisch. "Wir haben bisher zwar viele Käufe gesehen", sagt etwa Dirk Schiereck, der an der European Business School lehrt und in einem Buch "die Alchemie von Buy-outs" in der Branche untersucht hat. "Die Zahl der Exits ist aber noch arg überschaubar." Er glaubt, dass viele Kapitalbeteiliger sich unter starkem Anlagedruck auf Deals in der Branche eingelassen haben. Viele der Beteiligungen seien von fragwürdiger Qualität. Beim Erwerb eines hessischen Basischemiebetriebs durch Investoren um einen ehemaligen Morgan-Grenfell-Manager beispielsweise sei für den früheren Eigner "Verschenken wohl billiger gewesen als Dichtmachen".

Viele Beteiliger würden Probleme haben, aus ihren Engagements rechtzeitig vor dem Laufzeitende mit Gewinn wieder auszusteigen. Es drohten Kartellprobleme, die etwa Allianz Capital Partners und Goldman Sachs Capital Partners bei ihrem Messer-Griesheim-Engagement noch zu spüren bekommen würden. Schiereck schließt nicht aus, dass sich einige Beteiliger durch Chemiedeals übernommen haben könnten. "In manchen Fonds zeichneten sich gewisse Klumpenrisiken ab."

Praktiker Spinner sieht allenfalls "ein gewisses Exitrisiko" bei den Chemiebeteiligungen der Finanzinvestoren. Dass sie am Ende der Fondslaufzeit an andere Fonds weitergereicht würden ("secondary placement"), hält er für fast ausgeschlossen. Börsengänge seien auf absehbare Zeit wenig wahrscheinlich. Die meisten Beteiligungen würden wohl an strategische Investoren verkauft oder komplett vom eigenen Management übernommen.

Berater Valerien, der im gegenwärtigen Umbau der europäischen Chemie neben globalen Großkonzernen wie BASF eine neue Firmen-Mittelschicht entstehen sieht, favorisiert eher den zweiten Weg. Die Private-Equity-Häuser würden ihre Beteiligungen nach bis zu acht Jahren Betreuung als hocheffiziente Spezialisten in eine Chemielandschaft entlassen, die ganz anders aussehe als noch vor zehn Jahren.

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