"Beispiellos"
VW-Großaktionär greift Piëch an

Nachdem bereits Analysten das Auftreten von VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch beim Führungswechsel in Frage gestellt hatten, hat auch der Großaktionär Tweedy Browne scharfe Kritik geübt und Piëch persönlich angegriffen. Ungeachtet dessen soll der neue Mann an der Spitze des Wolfsburger Konzerns, Martin Winterkorn, bereits eine neue Struktur des VW-Konzerns erarbeitet haben.

FRANKFURT. Der VW-Großaktionär Tweedy Browne hat den Führungswechsel beim Wolfsburger Autokonzern scharf kritisiert und in diesem Zusammenhang Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch persönlich angegriffen. „Es ist beispiellos, dass ein Vorstandschef, der – anscheinend mit Erfolg, wie die Spitzenperformance der Aktie im Dax seit einem Jahr zeigt – dabei ist, eine wichtige Wende im Unternehmen herbeizuführen, und dessen Mandat gerade vor einigen Monat erneuert wurde, so sang- und klanglos gefeuert wird“, sagt Tom Shrager, Partner des einflussreichen US-Investmenthauses, dem Handelsblatt. Dies werfe ernsthafte Fragen zur Corporate Governance bei VW und der Rolle des Aufsichtsratschefs auf.

Erstmals geht damit einer der Großinvestoren des Autoherstellers klar auf Distanz zu dem überraschenden Führungswechsel an der Unternehmensspitze. Tweedy Browne zählt zu den sechs größten Anteilseignern von VW und hält mit zwei Millionen Aktien knapp ein Prozent an Volkswagen.

Shrager nimmt vor allem Piëchs Verhalten aufs Korn. „Wir konnten uns kaum vorstellen, dass der Aufsichtsratsvorsitzende – mit seiner wenig eindrucksvollen Bilanz als VW-Manager – die Prinzipien der Corporate Governance mit Füßen treten und seine Aufsichtsratskollegen auf solche Weise umstimmen würde“, kritisiert Shrager. „Hiermit ernenne ich den Aufsichtsrat von VW zum verschlafensten von ganz Deutschland.“ Tweedy Browne hatte schon auf der letzten VW-Hauptversammlung in Hamburg vergeblich versucht, Piëch als Aufsichtsratschef abzulösen.

VW-Chef Bernd Pischetsrieder war am vorigen Dienstag überraschend abgelöst und als Nachfolger Audi-Boss Martin Winterkorn ausgerufen worden. Der VW-Aufsichtsrat hatte erst im Mai den Vertrag von Pischetsrieder um fünf Jahre verlängert.

Auch Analysten hatten bereits Piëchs Auftreten beim Führungswechsel in Frage gestellt. „Piëch tritt inzwischen bei VW auf, als handele es sich um sein Familienunternehmen“, moniert ein Experte, der ungenannt bleiben möchte. Der Leiter der Regierungskommission Corporate Governance, Thyssen-Krupp-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme, hatte bereits im Frühjahr sein Mandat im VW-Aufsichtsrat aus Verärgerung darüber abgegeben, wie Corporate-Governance-Fragen bei VW behandelt wurden.

An diesem Freitag kommt der VW-Aufsichtsrat zu seiner jährlichen Strategiesitzung zusammen. Dabei soll auch der in einer Sondersitzung des Präsidiums von Piëch erzwungene Führungswechsel offiziell beschlossen werden. Danach wird zum Jahresende der bisherige Audi-Chef Winterkorn die Führung des größten europäischen Autokonzerns übernehmen.

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