BenQ Mobile
Kamp-Lintfort: Auf der Suche nach der neuen Zeit

Kamp-Lintfort erlebte zwei Hochphasen: Erst kam der Steinkohle-Boom, dann Siemens mit seinem Mobiltelefon-Werk. Eine Zeche gibt es noch, die Fabrik nicht mehr. Am Mittwoch treffen sich die Gläubiger der Pleitefirma BenQ Mobile und verteilen, was noch zu verteilen ist. Die ehemaligen Mitarbeiter bleiben zurück. Ein Handelsblatt-Report aus der gebeutelten Stadt.

KAMP-LINTFORT. Jörg Henke verschwindet fast hinter dem Turm aus ineinander gestapelten Stühlen, den er durch die Tür des Gemeindezimmers der Christuskirche trägt. Einen Stuhl nach dem anderen stellt der Ex-Mitarbeiter von BenQ an der Wand des Raumes auf.

„Heute wird es wohl wieder eng“, sagt Henke, setzt sich an einen der hellen Holztische und öffnet eine Flasche Sprudel. Gleich kommen die alten Kollegen ins Gemeindehaus von Kamp-Lintfort, mit denen der 42-Jährige bis vor kurzem für den taiwanischen Konzern BenQ Handys baute.

Nun ist BenQ Mobile insolvent. Am Mittwoch treffen sich in München die Gläubiger, um zu verteilen, was noch übrig ist vom ehemaligen Siemens-Werk in Kamp-Lintfort.

Innerhalb weniger Monate ist die Stadt am Niederrhein tief in eine Strukturkrise gerutscht, kam doch nach der BenQ-Pleite auch noch der Kohlekompromiss, der auch der letzten Zeche in Kamp-Lintfort das baldige Aus beschert. Rat in der Krise und Orientierung für die Zukunft suchen viele Bürger nun dort, wo sie beides schon einmal fanden: in Kamp-Lintforts Christuskriche, in der Nähe von Handywerk und Zeche.

Jörg Henke hatte eigentlich nicht gedacht, dass er hier nochmal Stühle und Getränkekisten schleppen würde. Doch nun ist es fast wie damals in den neunziger Jahren, als er noch im Bergwerk arbeitete und mit den Kumpel im Winter 1994/95 gegen Subventionskürzungen der schwarz-gelben Bundesregierung demonstrierte. Die Kirche war ihr Basislager. Hier gab es Kaffee und Zuspruch, als die Temperatur unter minus zehn Grad fiel.

Irgendwann wollte Henke nicht mehr für seinen Arbeitsplatz demonstrieren müssen. „Ich habe mir an mein Herz gefasst und bin zu Siemens gegangen. Meine alten Kollegen haben mir dafür auf die Schulter geklopft. Das ist die Zukunft, haben sie gesagt.“ Doch nun ist er wieder hier, beim Treffen der Entlassenen.

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