Bestellungen bleiben aus
Auftragspolster der Bahnindustrie schmilzt

Mit einiger Verzögerung hat die Krise auch die Bahnindustrie eingeholt. Nachdem die Unternehmen lange Zeit gehofft hatten, mit dicken Auftragsbüchern unbeschadet über die Runden zu kommen, beklagt die Branche nun in der ersten Jahreshälfte einen Rückgang der Auftragseingänge um fast ein Viertel.

DÜSSELDORF. Im ersten Halbjahr 2008 waren noch international Schienenfahrzeuge und Infrastruktur für 6,1 Mrd. Euro geordert worden; in der ersten Jahreshälfte 2009 sanken die Bestellungen auf 4,7 Mrd. Euro, bilanzierte der Verband der Bahnindustrie in Deutschland (VDB).

Dank des Auftragspolsters stieg der Umsatz der knapp 130 Mitgliedsunternehmen mit 45 000 Beschäftigten in den ersten sechs Monaten aber noch einmal um über elf Prozent auf knapp fünf Mrd. Euro. Den Unternehmen, neben den Konzernen Alstom Deutschland, Bombardier Transportation und Siemens Mobility noch zahlreiche hochspezialisierte Nischenanbieter und Zulieferer, ist es bereits in den vergangenen Jahren gelungen, über den Export die Abhängigkeit vom Großkunden Deutsche Bahn zu vermindern. Im ersten Halbjahr stieg die Exportquote nun Verbandsangaben zufolge auf 59 Prozent. Gleichwohl gibt es Probleme im Ausland: Die Nachfrage nach Schienenfahrzeugen ging außerhalb Deutschlands um 44 Prozent zurück. Bombardier-Manager Klaus Baur, frisch gewählter VDB-Präsident, äußerte sich zudem pessimistisch: Die Branche bewerte ihre Aussichten nun als „kritisch“.

Das Geschäftsklima habe sich im dritten Quartal 2009 weiter verschlechtert, berichtete kürzlich auch das auf Umfragen in der Industrie beruhende „Branchenbarometer“ der Beratungsfirma SCI Verkehr. Rund 50 Prozent der Befragten hatten dabei sogar krisenbedingte Auftragsstornierungen vermeldet. Mehr als ein Drittel der Unternehmen erwartete eine ungünstigere Geschäftsentwicklung in den nächsten sechs Monaten.

Unzufrieden ist die Industrie auch im Inland mit den Bestellungen der Deutschen Bahn. Die Zurückhaltung gefährde die Beschäftigung vor allem bei den mittelständischen Zulieferern, sagte VDB-Geschäftsführer Roland Pörner dem Handelsblatt. Der Staatskonzern erteile selbst dort kaum Aufträge, wo das Geld aus Bundesmitteln vorhanden sei. Das betreffe etwa den Bau elektronischer Stellwerke und die Bahnübergangs-Beseitigung. Es gebe bei der Bahn offensichtlich „Prozessschwächen“, um die entsprechenden Aufträge auf den Weg zu bekommen. „Die eiern da unheimlich herum und kommen nicht zu Potte“, formulierte es drastischer ein betroffener Unternehmer.

Kritisiert wird in der Branche auch, dass bislang keine Bestellungen aus den beiden Konjunkturpaketen der Bundesregierung bei der Industrie angekommen seien. „Es sind viele Sachen in der Pipeline, doch das Zusammenspiel zwischen Bahn, Verkehrs- und Finanzministerium sowie dem Eisenbahnbundesamt ist so kompliziert, dass sinnhafte Investitionen immer noch unterbleiben“, beobachtete Pörner. Wenig Hoffnung mache er sich auch auf eine rasche Vergabe des „Schlüsselauftrages“ zur milliardenschweren Erneuerung der Intercity-Zug-Flotte und der ersten beiden ICE-Generationen noch dieses Jahr.

Die Industrie regt in Berlin an, einen regelmäßigen „Infrastrukturbericht Verkehr“ anfertigen zu lassen. Er solle unter Verantwortung des Bundes etwa alle zwei Jahre eine umfassende und vergleichbare Bestandsaufnahme liefern, die die Grundlage für Entscheidungen im Bereich der Infrastruktur sein solle. Sinnvoll sei auch die Berufung eines Nationalen Koordinators für Bahntechnologie und Schienenverkehr nach dem Beispiel etwa der Luft- und Raumfahrt sowie der maritimen Wirtschaft, erklärte Präsident Baur. Zu seinen Aufgaben müssten die Förderung von Innovations- und Entwicklungsvorhaben sowie die Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen für die Schiene gehören.

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