Besuch beim Goldhändler Heraeus
Zwei Farben Gold

In der Finanzkrise sind die Deutschen verrückt nach Gold. Hans-Guenter Ritter liefert es. Seine Sparte im Heraeus-Konzern müsste ein Krisengewinner sein. Doch sein Beispiel zeigt, dass derzeit alles komplizierter ist: Boom und Flaute können sehr nahe beieinander liegen.

HANAU. Er weiß nicht, wo er all die Ware herbekommen soll, die die Leute überall im Land plötzlich von ihm wollen. Er ist froh, dass er in derzeit überhaupt etwas ausliefern kann. Heute oder morgen, das muss er offenlassen, aus Sicherheitsgründen, denn Ritters Ware ist kostbar.

„Sagen wir: bald“, sagt Ritter, und die Anzeichen sagen: sehr bald. Während er in seinem Büro sitzt, in einem der vielen Gebäude auf dem weitläufigen Firmengelände, stimmen sich in einem Besprechungsraum nebenan drei seiner Leute ab, wie sie die Abwicklung am schnellsten hinbekommen. Die zwölf Mitarbeiter des Logistikzentrums im Erdgeschoss sind bereit. Durchzählen, wiegen, Gehalt prüfen, portionieren, ausliefern. Das alles muss schnell gehen, sehr schnell. Wenn der Stoff reinkommt, die Pakete mit der glänzenden Ware, das Gold.

Hans-Guenter Ritter hat die Ausläufer des Rasens und Bebens in den vergangenen Tagen und Wochen deutlich gespürt, bis hierher in sein karges Büro mit kahlen weißen Wänden, Arbeitstisch, Besprechungstisch sind sie vorgedrungen. Die Finanzkrise hat Ritter, einen Mann von 49 Jahren mit schmalem Gesicht und hoher Stirn, zu einem Seismografen deutscher Befindlichkeit gemacht. Seit die Krise Deutschland erreicht hat, sind die Menschen verrückt nach Gold. Es scheint, als wäre es ihr einziges Betäubungsmittel gegen die Angst, ihr Geld zu verlieren. Und nun ist das Mittel ausverkauft, und die Händler, auch die Beschaffer der Banken, warten darauf, dass Ritter sie mit Nachschub versorgt.

Ritter ist der Chef des Edelmetallhandels bei Heraeus, einem der führenden deutschen Händler und Hersteller, Sitz in Hanau, einem Zentrum des Edelmetallhandels in Deutschland. Nur ein paar Autominuten entfernt liegt das Firmengelände der Konkurrenz von Umicore.

Die Welt um Ritter herum spielt verrückt, Ritter aber bleibt ruhig. Er ist nicht der Typ für die großen Aufgeregtheiten, außerdem ist er schon eine Weile im Geschäft, er kennt dessen Logik. Es gibt eine Krise, die Leute kaufen Gold, das Gold für den Hausgebrauch wird knapp. „Der Hinweis auf Knappheit“, sagt Ritter ungerührt, „erzeugt Knappheit.“ Und was knapp ist, hat seinen Preis.

Es könnte alles so einfach sein für Ritter. Wenn nicht Dinge, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, auf komplizierte Weise zusammenhingen, wenn Ritter nur mit Gold handeln und nicht zum Beispiel auch Autohersteller beliefern würde. So aber ist Ritter in einer eigenartigen Situation. Er gewinnt, aber gleichzeitig verliert er. Das Goldfieber der Deutschen ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der Wirklichkeit, nur ein Teil seines Geschäfts, wenn auch derzeit ein größerer als sonst. Es ist ein gutes Beispiel dafür, dass es mit eindeutigen Wahrheiten, mit Sicherheit und Unsicherheit in dieser Krise so eine Sache ist.

Die Märkte spielen verrückt, an den Börsen steigen die Kurse, und noch am gleichen Tag können sie wieder fallen. Das alles passiert in einem Tempo, das Ritter noch nie erlebt hat, und er muss damit klarkommen und damit, dass Wenn und Aber großen Einfluss auf seine Geschäfte haben, viel größeren, als ihm lieb sein kann. Dass es einen Goldboom gibt, aber auch einen Schaden, der am Ende vielleicht schwerer wiegt. Dass nicht alles, was Gold ist, glänzt. Nicht einmal jetzt.

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