Binnenschiffer
Schrottstau auf dem Fluss

Eine Schiffsbau-Blase in den Niederlanden treibt immer mehr deutsche Binnenschiffer in den Ruin - Unterwegs auf dem Rhein mit einem aufmüpfigen Kapitän
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KOBLENZ. Als die Sonne aufgeht über dem Industriehafen in Koblenz-Wallersheim, zündet sich Kapitän Berthold Zimmer eine Zigarette an. Wie immer, wenn es kompliziert wird. Er muss sein Schiff "Aqua Linda", 105 Meter lang und 10,50 Meter breit, wenden und aus dem Hafenbecken manövrieren. 2100 PS schieben Zimmers Frachter sanft gen Ausfahrt Richtung Rhein. Zimmer blickt auf die Bilder, die die vier Bordkameras an einen Bildschirm in seinem Führerhaus senden. Alles klar, weiter geht's.

Über gestapelten Containern am Ufer schweben bewegungslos die Greifer mehrerer Kräne. Die drehen sich immer seltener, Fracht für Binnenschiffer wie Zimmer gibt es in der Wirtschaftskrise immer weniger.

Immerhin: 1500 Tonnen Schrott hat die "Aqua Linda" heute geladen. Was nach viel klingt, ist viel zu wenig. 2500 Tonnen kann Zimmers Schiff laden, es ist also nur zu 60 Prozent ausgelastet. Und die Frachtpreise sind eingebrochen: Auf Strecken, auf denen sie vor einem Jahr noch zwölf Euro für den Transport einer Tonne Ladung bekamen, akzeptieren manche Kapitäne nun 1,80 Euro. "Das ist ruinös", sagt Schiffseigner Zimmer. "Dann lieber gar nicht fahren und die Matrosen stempeln schicken."

Die Wirtschaftskrise ist das eine. Aber die wahren Schuldigen für die Binnenschiffermalaise, sagt Kapitän Zimmer, das seien die Holländer. Seinen Protest hat er auf die ganze Länge seiner "Aqua Linda" gepinselt: "Die niederländische Subventionspolitik ist unser Untergang", steht da. Das Fahrziel von Kapitän Zimmer: Amsterdam.

Mit 22 km/h passiert die "Aqua Linda" das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich. Zimmer macht sich einen Kaffee. Der Autopilot fährt. Zwei Tage wird es dauern bis Amsterdam, wo der Schrott umgeladen wird, um in die Türkei verschifft zu werden. Auf seinen Fahrten hat Berthold Zimmer viel Zeit zum Nachdenken. So ist er Buddhist geworden, seine Brücke steht voller Buddha-Figuren. Am Bug hat er eine Tibet-Fahne gehisst. "Ich bin wohl kein typischer Binnenschiffer", sagt der 44-Jährige. Einerseits.

Andererseits ist er es doch: Berthold Zimmer stammt aus einer Binnenschiffer-Familie, ist sein ganzes Leben lang auf Mosel und Rhein unterwegs gewesen. Beide Söhne sind auch schon Binnenschiffer.

Zimmer hat investiert, um sich an den Markt anzupassen. Vergangenes Jahr ließ er die "Aqua Linda" umbauen - vom Tank- zum Gütermotorschiff. Das hat 600000 Euro gekostet. "Das war der erste Umbau solcher Art überhaupt in Deutschland", sagt er. Nun überlegt Zimmer auszusteigen. Sein wichtigster Kunde will den Vertrag nicht verlängern. Im Oktober will er die "Aqua Linda" trocken legen, trotz laufender Kredite.

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