Biotech-Firma plant neues MS-Medikament
Serono und Biogen liefern sich Wettstreit

Die Entscheidung hat Brisanz: Das US-Biotechnologie-Unternehmen Biogen Idec verwaltet künftig von der Schweiz aus sein gesamtes Geschäft außerhalb der USA. Damit schlägt Biogen sein neues Hauptquartier in unmittelbarer Nachbarschaft seines härtesten Konkurrenten Serono auf.

ZÜRICH. Beide Unternehmen beharren darauf, hinter Amgen und Genentech die Nummer drei in der Branche zu sein, und beide fahren ihre höchsten Umsätze mit einem Medikament gegen Multiple Sklerose (MS) ein.

Biogen machte im vergangenen Jahr 63 Prozent seines Umsatzes mit dem MS-Medikament Avonex und ist damit in den USA Marktführer. Bei Serono hatte das MS-Mittel Rebif 2003 einen Anteil von 44 Prozent am Umsatz – Tendenz stark steigend. Serono will auch in den USA Marktführer werden.

Biogen konterte diesen Angriff zu Jahresbeginn: Das Unternehmen kündigte an, sein neues MS-Medikament Antegren Anfang 2005 und damit eineinhalb Jahre früher als geplant auf den Markt zu bringen. Die endgültigen Ergebnisse der letzten Erprobungsphase von Antegren sollten gar nicht mehr abgewartet werden. Biogen nutzte die Daten eines Zwischenergebnisses, um die Zulassung in den USA zu beantragen. Die Biogen-Aktie reagierte darauf mit einem kräftigen Kurssprung, während Seronos Aktienkurs nachgab.

Die Urschweizer wollten das nicht auf sich sitzen lassen und kündigten deswegen vergangene Woche an, die Verkaufsaktivitäten für ihr MS-Mittel Rebif in den USA zu steigern. Die Anzahl der Mitarbeiter im Außendienst soll um ein Drittel verstärkt werden, Ärzte und Pfleger geschult sowie Call Center für Patienten eingerichtet werden. Andrew Galazka, wissenschaftlicher Vizepräsident bei Serono verband diese Ankündigung mit einem Seitenhieb gegen den Konkurrenten: Das Serono-Medikament Rebif könne sich der Patient selbst verabreichen. Um das MS-Medikament von Biogen zu bekommen, müsse er zum Arzt.

Analysten wie Tilman Dumrese von der Schweizer Privatbank Vontobel sehen bei Serono einen weiteren Vorteil: Die Schweizer „verfügen über eine exzellente klinische Datenbasis für Rebif.“ Die Reaktion der Börse auf Biogens Ankündigung, ein neues MS-Medikament schneller als erwartet auf den Markt zu bringen, hält der Analyst für übertrieben.

Das wiederum lässt Biogen nicht auf sich beruhen. Das Unternehmen gibt zwar nicht die Zwischenergebnisse bekannt, die es für die Zulassung des neuen MS-Präparats in den USA einreichte, aber Biogen verweist auf die bisherigen Daten, die äußerst vielversprechend seien.

Ganz gelassen reagierte ein Dritter im Bunde auf das Wettrennen: Schering ist seit zehn Jahren mit seinem MS-Medikament Betaferon auf dem Markt. „Wir kennen kein Medikament, das besser wirkt. Wohl aber einige, die teurer sind“, sagte eine Sprecherin. Aufgrund der langen Marktpräsenz sieht sich Schering, was die Zahl der behandelten Patienten angeht, in wichtigen Regionen ebenfalls als Marktführer.

Ärzte dagegen, die MS-Patienten behandeln, sind von den Medikamenten bislang nicht überzeugt: „Es ist keine eindeutige Überlegenheit eines der Präparate zu erkennen“, sagte Anja Windhagen, Privatdozentin und Oberärztin an der neurologischen Abteilung der Medizinischen Hochschule Hannover. Überhaupt sei die Wissenschaft weit entfernt davon, MS-Kranke dauerhaft stabilisieren oder gar heilen zu können. Wirksamere Medikamente würden händeringend gesucht.

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
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