Biotech-Firma will Weltmarktführer bei Insulin
Teil 3: Biocon sucht Blockbuster „made in India“

Nachdem es Indiens IT-Unternehmen zu weltweiter Bekanntheit gebracht haben, erwarten Experten die nächste Erfolgswelle von der jungen Biotechnologie-Branche des Landes. Ihr hilft derselbe Standortvorteil: die Verfügbarkeit gut ausgebildeter Fachkräfte zu einem Viertel westlicher Löhne.

BANGALORE. „Unsere Branche wird die Welt ähnlich umkrempeln, wie es Indiens IT-Dienstleister getan haben“, prophezeit Biocon-Chefin Kiran Mazumdar-Shaw. Indiens älteste und größte Biotech-Firma verdankt ihr schnelles Wachstum billigen Biogenerika, vor allem cholesterinsenkenden Statinen und Insulin, die drei Viertel des Umsatzes ausmachen.

Mazumdar-Shaw steckt ihr Ziel aber höher: „Generika bleiben unser Brot- und Butterprodukt“, skizziert sie die Zukunft. „Doch schon in ein paar Jahren werden wir mehr mit neuen, selbst entwickelten Biopharmazeutika umsetzen.“ Dazu hat Biocon die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 13 Prozent des Umsatzes hochgeschraubt.

Hoffnungsträger ist eine neue Art Insulin, das geschluckt statt gespritzt wird. „Das wird ein Blockbuster, der uns in eine neue Liga katapultiert“, sagt Mazumdar-Shaw optimistisch. In zwei bis drei Jahren soll das Insulin unter eigener Marke auf dem nicht regulierten indischen Markt starten. Wenn es sich dort bewährt, rechnet sie in vier bis sechs Jahren mit der Freigabe in den USA und Europa. In der Entwicklung sind auch ein Mittel gegen Krebs und ein Herz-Medikament.

Margendruck im Generikageschäft treibt viele indische Pharmafirmen zu derselben Strategie. In der Branche beobachtet Mazumdar-Shaw „eine riesige Verschiebung hin zur Eigenentwicklung von Medikamenten, alle fahren ihre Entwicklungsetats hoch“.

Doch Regulierungshürden für Biopharmazeutika auf den westlichen Märkten und die Gefahr, dass Produkte in der Entwicklungsphase floppen, machen Biocons Vorstoß riskant. Mazumdar-Shaw hat sich daher Partner im Westen gesucht. Innerhalb von Tagen sprang sie ein, als Glaxo Smithkline vor zwei Jahren eine Partnerschaft mit der US-Firma Nobex zur Entwicklung von Oralinsulin aufkündigte. Nun soll das Produkt unter Führung der Inder zur Marktreife gelangen.

Solche Partnermodelle sieht Mazumdar-Shaw als Antwort auf die Herausforderungen der Branche, in der ein „reines“ Offshoring-Modell wie in der IT-Industrie nicht funktioniere. „Die Zukunft gehört Synergien zwischen Hoch- und Niedriglohnländern“, sagt sie. Ein indischer Partner mit niedrigerer Kostenbasis erlaubt es kapitalknappen westlichen Firmen wie Nobex, Ressourcen zu strecken und Produkte schneller auf den Markt zu bringen. „Ohne Hilfe aus Ländern wie Indien werden viele Start-ups eingehen.“

Für Pharmakonzerne wird Indien aus mehreren Gründen wichtiger. Die westlichen Gesundheitssysteme stehen wegen der hohen Kosten kurz vor dem Kollaps. Gleichzeitig fordern Entwicklungsländer billigere Medikamente, um tödliche Plagen wie Malaria und Aids in den Griff zu bekommen. „Westliche Konzerne werden nicht mehr lange so viel Geld wie bisher für die Entwicklung neuer Medikamente ausgeben können“, prophezeit die Biocon-Chefin.

Eine Studie des indischen Industrieverbands CII sieht das größte Sparpotenzial bei der Verlagerung von klinischer Entwicklung. CII zufolge kostet eine typische Testphase in den USA 300 Mill. Dollar, in Indien nur 25 Mill. Dollar. Das liegt nicht nur an Indiens billigen Ärzten, Chemikern und Laboranten. Genauso wichtig sind die vielen Kranken, die sich aus Armut für Versuche zur Verfügung stellen. „Klinische Tests gehen in Indien viel schneller“, sagt Mazumdar-Shaw. „Und von Dritte-Welt-Plagen wie Malaria bis Wohlstandsleiden wie Diabetes gibt es hier alles.“

Immer mehr indische Firmen bieten daher Auftragsforschung an, darunter Industriekonglomerate wie die Tata-Gruppe und Reliance. Die Biocon-Chefin erkannte die Marktlücke 1994 als erste. Seitdem arbeitet sie für westliche Konzerne an der Suche nach neuen Molekülen und klinischen Tests. Zu den Kunden zählen Merck KgaA und Novartis. 2004 stieg Biocons Umsatz mit solchen Diensten um 70 Prozent auf 15 Mill. Dollar. Mazumdar-Shaw erwartet, dass sich das Wachstum über 60 Prozent hält. Sollte das neue Insulin floppen oder der Preiskampf bei Generika härter werden, könnte Biocons kleinste Sparte wichtiger werden, als es sich seine Chefin wünscht.

Und Biocon muss sich auf wachsenden Wettbewerb einstellen. Wagniskapitalgeber pumpen immer mehr Geld in indische Start-ups; kapitalstarke lokale Pharmafirmen wie Wockhardt forcieren den Ausbau ihrer Biotech-Sparten. Außerdem gründen internationale Konzerne wie Novo Nordisk eigene Biotech-Töchter in Indien – am liebsten vor Mazumdar-Shaws Haustür in Bangalore.

Weg frei für die Biotechnologie

Der Markt: Im Vorjahr stieg der Umsatz von Indiens Biotech-Branche um 37 Prozent auf 1,1 Mrd. Dollar. Bis 2010 sollen es fünf Mrd. werden. Allerdings hat das Land in Asien starke Wettbewerber mit besseren Regulierungsbedingungen wie Singapur und Südkorea. Indiens Regierung verspricht Hilfe mit dem Bau von zehn Biotech-Parks und will Hürden kippen, die etwa Tierversuche erschweren.

Das Unternehmen: Biocons Kerngeschäft sind pharmazeutische Wirkstoffe für meist westliche Generika-Hersteller. Gewonnen werden diese durch patentierte Fermentierverfahren. 2004 stieg der Umsatz um 34 Prozent auf 162 Mill. Dollar, der Nettogewinn um 42 Prozent auf 44 Mill. Dollar.

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