Biotech-Firmen treiben Gentherapie voran Neue Hoffnung für Bluter-Kranke

Positive Resultate mit Gentherapien gegen die Bluter-Krankheit sorgen bei Medizinern für Furore. Sollten sie sich bestätigen, könnten neue Therapien den Milliarden-Markt für Hämophilie-Medikamente durcheinander wirbeln.
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Neue Studien machen Bluter-Kranken Hoffnung. Quelle: dpa
Pharmaforschung

Neue Studien machen Bluter-Kranken Hoffnung.

(Foto: dpa)

FrankfurtSie gehört zu den häufigeren Erbkrankheiten und galt lange auch als eine der gefährlichsten: Im Schnitt etwa eines von von 5000 bis 10.000 Neugeborenen kommt heute mit einem Gendefekt zur Welt, der zu Hämophilie, der so genannten Bluter-Krankheit, führt. Unbehandelt laufen sie Gefahr schon in Jungen Jahren an vergleichbar harmlosen Verletzungen zu verbluten.

Verantwortlich dafür ist ein Mangel an den Gerinnungsfaktoren VIII (bei der häufigeren  der Hämophilie A) und IX (bei Hämophilie B). Erst nachdem es ab den 70er Jahren gelang, diese Gerinnungsfaktoren zunächst aus dem Plasma von gesunden Blutspendern zu isolieren und später auch biotechnisch herzustellen, können Bluterkranke dank regelmäßiger Behandlung und Prophylaxe ein halbwegs normales Leben führen.

Nun zeichnet sich eine weitere medizinische Revolution ab, die den Umgang mit dieser Erbkrankheit nochmals deutlich erleichtern könnte und manche Mediziner sogar auf eine Heilung  hoffen lässt: Eine Gentherapie, die den originären Defekt kompensiert und damit für Hämophilie-Patienten die regelmäßigen und relativ häufigen Injektionen mit Gerinnungsfaktoren überflüssig machen würde.

Die Gewinnbringer der Pharmabranche
Platz 10: Prevenar
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Der Impfstoff schützt vor der Infektionskrankheit Pneumokokken, einer bakteriellen Lungenentzündung, die vor allem für Kleinkinder und ältere Menschen lebensbedrohlich sein kann. Dem Pharma-Riesen Pfizer bringt der Impfstoff jährlich 5,7 Milliarden Dollar ein.

Platz 9: Lantus
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Den Insulin-Stift von Sanofi nutzen weltweit Millionen Diabetiker – und bescheren dem französischen Pharmakonzern jährlich Einnahmen von mehr als sechs Milliarden Dollar.

Platz 8: Herceptin
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Unter dem Namen Herceptin vermarktete der Baseler Pharmakonzern Roche einen Antikörper, der zur Behandlung von einigen Brust- und Magenkrebsformen eingesetzt wird. Die Entwicklung der Arznei durch den Krebsforscher Dennis Slamon wurde 2008 unter dem Titel „Living Proof“ verfilmt. Bis heute hat auch Roche seine Freude an dem Medikament: Es generiert pro Jahr einen Umsatz von 6,7 Milliarden Dollar. Damit trägt Herceptin allein mehr als zehn Prozent zum Jahresumsatz von Roche bei.

Platz 7: Avastin
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Mit Avastin hat Roche ein weiteres profitables Krebsmedikament im Portfolio: Avastin ist beispielsweise für Darm-, Lungen- oder Gebärmutterhalskrebs im fortgeschrittenen Stadium zugelassen. Die Baseler verdienen pro Jahr 6,72 Milliarden Dollar mit dem Wirkstoff.

Platz 6: Revlimid
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Der Wirkstoff des US-Pharmakonzerns Celgene ist in Europa als „Orphan Drug“ zugelassen – also als Medikament für seltene Krankheiten. Das bedeutet, dass es nur in wenigen Fällen verschrieben wird, die Therapiekosten jedoch sehr hoch sind. Das Krebsmittel bringt Celgene im Jahr knapp 7 Milliarden Dollar.

Platz 5: MabThera/Rituxan
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Das wichtigste Krebsmittel von Roche generiert jährlich 7,23 Milliarden Dollar Umsatz. Der unter den Namen MabThera und Rituxan vermarktete Wirkstoff gilt als Vorreiter der sogenannten gezielten Krebstherapie, bei der die Antikörper mittels Gentechnik hergestellt werden.

Platz 4: Remicade
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Die Ampullen der US-Pharmariesen Johnson & Johnson sowie Merck & Co. helfen gegen zahlreiche Krankheiten: In Europa ist das Medikament als Therapie etwa für die chronische Darmerkrankung Morbus Crohn oder die Hautkrankheit Schuppenflechte zugelassen. Der Allrounder bringt den beiden Konzernen jährliche Einnahmen von 8,2 Milliarden Dollar.

Entsprechende Hoffnungen jedenfalls wecken zwei klinische Studie der amerikanischen Biotechunternehmen Spark und Biomarin, deren Daten am Wochenende publiziert wurden und auf der diesjährigen Konferenz der amerikanischen Fachgesellschaft für Hämatologie (ASH) in Atlanta für gewisse Furore sorgten. 

In beiden Tests war es gelungen, mithilfe von Gentherapien die Leberzellen der Patienten so zu programmieren, dass sie dauerhaft wieder die Gerinnungsfaktoren VIII bzw.  IX produzierten. Die Zahl der gefährlichen Blutungen konnte dadurch nahezu vollständig komplett reduziert werden. Gleichzeitig konnten die Patienten auf die regelmäßige Behandlung mit Gerinnungsfaktoren weitgehend verzichten.

Es handelte sich um relativ kleine Studien mit nur zehn  und 13 Teilnehmern. Ihre Resultate müssen  daher noch in deutlich umfangreicheren, so genannten Phase-III-Studien bestätigt werden. Dennoch zeigten sich Experten beeindruckt. Die angesehene Fachzeitschrift New England Journal sprach von „wegweisenden Studien“ und widmete den Ergebnissen ein Editorial unter dem Titel „Eine Heilung von Hämophilie in Reichweite“.  In beiden Fällen basierte die Therapie auf einem Gentransfer mit Hilfe spezieller Viren, die man zuvor mit korrekten Kopien der Gene für die Gerinnungsfaktoren ausgestattet hatte. 

Hämophilie zählt seit langem bereits zu den Erbkrankheiten, für die eine Gentherapie als besonders naheliegend und vielversprechend erscheint. Schätzungen gehen von weltweit etwa 300.000 betroffenen Patienten aus, davon jeweils etwa 20.000 in Nordamerika und Europa. Seit Mitte der 90er Jahre hatte es bereits mehrfach Hoffnungen auf Gentherapien gegen die Erbkrankheit gegeben, die jedoch immer wieder enttäuscht wurden. Sollte nun tatsächlich ein Durchbruch gelingen, würde das einen Markt weiter durcheinander wirbeln, der zuletzt  ohnehin bereits kräftig  in Bewegung geraten  ist.

Weltweit werden mit Medikamenten gegen die Bluterkrankheit derzeit etwa 10 Milliarden Dollar Umsatz erzielt. Das Arbeitsgebiet gehört damit zu den lukrativen Nischenmärkte der Pharmabranche. Zu den Hauptanbietern zählen bisher die britische Shire, der US-Konzern Pfizer, der Bayer-Konzern mit seinem Wirkstoff Kogenate, sowie die dänische Novo Nordisk. Bei ihren Medikamenten handelt es sich im Wesentlichen um biotechnisch hergestellte Gerinnungsfaktoren. Die Kosten für die Therapie bewegen sich zum Teil bei mehr als 300.000 Euro pro Jahr und können bei Patienten, die Abstoßungsreaktionen gegen die Gerinnungsfaktoren entwickeln, auch noch deutlich höher liegen.

In dem lukrativen Geschäftsfeld kündigt sich ohnehin bereits eine Verschiebung von Marktanteilen an, nachdem die US-Biotechfirma Bioverativ  ab 2014 sowie der Schweizer Pharmariese Roche vor wenigen Wochen mit neuen Produkten angetreten sind. Insbesondere dem Roche-Medikament Hemlibra, das jüngst die erste Zulassung in den USA erhalten hat, trauen Analysten Spitzenumsätze von mehreren Milliarden Dollar zu. Denn es handelt sich in diesem Fall nicht um einen weiteren, künstlich hergestellten Gerinnungsfaktor, sondern um ein neuartiges Molekül, das die Wirkung von Faktor VIII in dem komplizierten Blutgerinnungsablauf nachahmt und sehr gute Resultate zeigte. Etliche Hersteller, darunter auch Bayer, haben modifizierte Gerinnungsfaktoren entwickelt, die eine längere Wirkungsdauer ermöglichen.

Insgesamt tun sich etliche etablierte Akteure indessen schwer,  ihre Marktposition in dem Geschäft zu halten. Bei Bayer zum Beispiel ist der Umsatz mit Kogenate und dem Nachfolgeprodukte Kovaltry in den ersten neun Monaten 2017 um gut 14 Prozent auf 750 Millionen Euro gesunken. Bei Pfizer schrumpften die Erlöse mit den Blutermedikamenten Refacto und Benefix um rund ein Zehntel, während im Gegenzug der Newcomer Bioverativ mit seinen Hämophilie-Mitteln Eloctate und Aprolix im gleichen Zeitraum um 33 Prozent auf 840 Millionen Dollar zulegte. Sollten es die neuen Gentherapien in den nächsten Jahren tatsächlich auf den Markt schaffen, dürfte sich der Wettbewerb nochmals intensivieren.

Für die etablierten Anbieter wäre es dann zudem essentiell, dass sie auch in diese Technik investieren. So hat sich Pfizer denn auch bereits mit dem Biotechunternehmen Spark verbündet. Auch Bayer ist auf dem Gebiet der Gentherapie engagiert, im Rahmen einer bereits 2014 vereinbarten Allianz mit der US-Biotechfirma Dimension Therapeutics, in die der Leverkusener Konzern bis zu 250 Millionen Dollar investieren will. Die Forschungsarbeiten befinden sich aber noch in einem früheren Stadium als die der Konkurrenten Biomarin und Spark.

Darüber hinaus zielt Bayer aber auch in der Kooperation mit dem Schweizer Biotechunternehmen Crispr Therapeutics auf Gentherapien gegen die Bluterkrankheiten. In diesem Fall geht es darum, die neuartige Genschere Crispr-Cas9 therapeutisch einzusetzen. Sie erlaubt einen besonders präzisen Austausch von Genen und hat die Forschungslabors der Molekular-Biologen  bereits im Sturmlauf erobert.

In dem 2016 etablierten  Joint Venture Casebia, wollen Bayer und Crispr die Technologie auch für therapeutische Zwecke entwickeln, unter anderem auch im Bereich Hämophilie. Das Konzept sieht dabei unter anderem vor, in Blutzellen von betroffenen Patienten die defekten Gene mit einer Art „Genchirurgie“ zu reparieren.  Ob dieser Ansatz tatsächlich funktioniert, wird sich erst in einigen Jahren zeigen. Klar ist aber, dass der Wettlauf um bessere Therapien für Bluter-Kranke spannend bleibt und für  manche Überraschung gut sein könnte.

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