Biotechnologie-Report
Deutschland braucht mehr Erfolgsstorys

Die deutsche Biotechbranche hat zwar einige Leuchtturmunternehmen, aber nicht genug. Deutschland hinkt bei Gründungen, Wagniskapital und Börsengängen der internationalen Entwicklung weit hinterher, zeigt eine Studie.

FrankfurtSeit zwei Jahren erlebt die Biotechbranche international ein bemerkenswertes Comeback. Das lässt sich auch an der Zahl der Börsengänge 2014 und 2015 ablesen. 108 US-Biotechunternehmen schafften es in diesem Zeitraum an die Börse, 66 waren es in Europa. In Deutschland gelang gerade mal drei Firmen der IPO: 2014 dem Heidelberger Krebsspezialisten Affimed sowie Probiodrug aus Halle, die an einem Wirkstoff gegen Alzheimer forschen.

Im vergangenen Jahr dann gab die schwäbische Diagnostikfirma Curetis als einzige ihr Börsendebüt. „Die deutsche Biotechbranche hat ihr Potenzial zu wenig ausgeschöpft“, lautet angesichts dieser Zahlen das Fazit des aktuellen Biotechnologie-Reports der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY.

Auch bei der Beschaffung von Risikokapital tut sich die Branche nach wie vor schwer. Zwar stieg das bereitgestellte Venture-Kapital im Vergleich zum Vorjahr um knapp die Hälfte. Allerdings entfielen vom Gesamtvolumen 2015 in Höhe von 236 Millionen Euro alleine 167 Millionen Euro und damit mehr als 70 Prozent auf das Tübinger Impfstoffunternehmen Curevac, dass unter anderem durch eine Beteiligung der Bill & Melinda Gates-Stiftung im vergangenen Jahr für Schlagzeilen sorgte. Ohne diesen Sondereffekt sammelte die Branche 56 Prozent weniger Risikokapital ein als im Vorjahr.

Dass die deutsche Biotechbranche insgesamt ein Problem hat, ausreichend Kapital zu finden, ist nicht neu. Aber wenn es international so viel einfacher für die Konkurrenten ist, sich Kapital zu beschaffen, lohnt es sich, noch einmal genauer auf die Gründe zu schauen. Da ist zum einen die deutsche Risikoaversion, die der Biotechbranche zu schaffen macht. „Was fehlt, ist eine breitere Risikoakzeptanz hierzulande“, sagt Studienautor Siegfried Bialojan, Leiter des deutschen Life Science Centers von EY.

„Echte Innovationen sind meist mit Risiken über lange Zeiträume verbunden. Dies geht einher mit einem hohen Investitionsbedarf, der nur über Risiko- und Beteiligungskapital abgedeckt werden kann.“ Nach dem Platzen der Biotechblase vor fast einem Jahrzehnt haben sich nicht nur die Kleinanleger sondern auch viele VC-Unternehmen von den riskanten Investment gerade der medizinischen Biotechnologie abgewandt. Bei den Banken wurden die Spezialisten für die Branche abgebaut, womit das entsprechende Umfeld für Börsengänge fehlte.

Hinzu kommt, dass Gründer, die scheitern, in Deutschland oft verbrannt seien und keine zweite Chance bekommen, während in den USA ein Scheitern als Erfahrung gewertet werde, sagt Klaus Eichenberg vom Branchenverband Bio Deutschland. Aktuell hat die Zahl der Neugründungen in der Branche mit elf neuen Firmen einen absoluten Tiefpunkt erreicht, 2012 waren es noch 28.

Vorschläge, wie man gegensteuern kann, gibt es viele. Die Palette reicht vom Ausbau der staatlichen Förderprogramme bis hin zu Maßnahmen, die eine Innovationsfinanzierung erleichtern, wie etwa die Änderung der Regelung zu Verlustvorträgen, die bei Eigentümerwechsel nicht mehr geltend gemacht werden können.

Alles in allem aber brauche Deutschland auch eine andere Aktienkultur, fordert Eichenberg von Bio Deutschland. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die wahren Wachstumstreiber der Branche die börsennotierten Unternehmen sind. „Hier hat Deutschland eindeutig Nachholbedarf“, sagt Eichenberg. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass die wahren Wachstumstreiber der Branche die börsennotierten Unternehmen sind. Dazu gehören Namen wie das Diagnostikunternehmen Qiagen, die auf Eurobasis gerechnet um 14 Prozent wuchsen, die Münchner Morphosys aber auch Evotec aus Hamburg. Insgesamt stieg der Umsatz der Biotechindustrie um zwölf Prozent auf 3,4 Milliarden Euro. In den 590 deutschen Biotechunternehmen arbeiten rund 17.900 Mitarbeiter.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%