Bis zu zehn Milliarden Euro verschwunden?
Skandal um Parmalat schockt Italien

Das Ausmaß des Finanzskandals um den italienischen Milchprodukte-Konzern Parmalat steht noch nicht fest. Doch in Italien wird der Skandal bereits in einem Atemzug mit den Pleiten der beiden US-Firmen Enron und Worldcom genannt.

HB ROM. Bis zu zehn Milliarden Euro sollen Medienberichten zufolge bei Parmalat verschwunden sein. „Die Sachlage ist klar, die Bilanzfälschungen sind offensichtlich“, sagte am Montag der Mailänder Staatsanwalt Angelo Curto nach der Überprüfung von Unterlagen, die am Wochenende bei zwei Firmen, die die Parmalat-Bilanzen zertifiziert haben, sichergestellt worden waren.

Der Schock sitzt in Italien tief, die Mailänder Börse wurde am Montag von Parmalat, deren Aktie praktisch nicht mehr wert ist, in die Tiefe gezogen. Mit ihr mussten die bei Parmalat engagierten Banken Federn lassen. Parmalat könnte angesichts des unmittelbar bevorstehenden Konkurses vor der Zerschlagung stehen. Schon kursieren Gerüchte, wonach große internationale Konzerne bereits ein Auge auf Teile von Parmalat geworfen haben sollen.

Die Parmalat-Bilanzen dürften schon seit Jahren eine Konstruktion aus Tricks und Fälschungen gewesen sein, vermuten die Ermittler. Damit wurden ahnungslose Aktionäre - darunter die Deutsche Bank - und Anleihenbesitzer hinters Licht geführt. Allein in Italien sollen mehrere 100 000 Kleinanleger Aktien oder Anleihen von Parmalat in ihren Depots liegen haben. Bereits mit argentinischen Bonds und Anleihen des vor wenigen Monaten kollabierten Lebensmittel- Unternehmens Cirio hatten sich viele Italiener zuletzt die Finger verbrannt.

Doch der Parmalat-Skandal, dem Analysten „unvorstellbare Ausmaße“ attestiert haben, übertrifft alles bisher da gewesene. Am Freitag hatte eine Mitteilung der Bank of America, die die Existenz eines von Parmalat angegebenen Kontos mit fast vier Milliarden Euro dementierte, wie eine Bombe eingeschlagen. Medienberichten zufolge sind jedoch bis zu sechs weitere Milliarden Euro in Parmalats „Finanzloch“ verschwunden. Der international tätige Konzern, der bis vor kurzem als ein Aushängeschild der italienischen Wirtschaft galt, erweist sich jetzt als ein Fass ohne Boden.

Undurchsichtige Geschäfte

Bereits Anfang der Vorwoche war der Skandal ruchbar geworden, als die Rückzahlung einer Anleihe auf der Kippe stand. Unternehmensgründer Calisto Tanzi dankte als Präsident und Vorstandsvorsitzender ab, ehe sich der Abgrund auftat, in dem Parmalat jetzt zu versinken droht. Für das Desaster wird in den Medien der bisherige Finanzchef Fausto Tonna verantwortlich gemacht. Er soll dafür gesorgt haben, dass die Gelder, die vor allem über die Ausgabe von Anleihen aufgetrieben worden waren, in undurchsichtige Geschäfte flossen, die nichts mit der Milchproduktion zu tun hatten.

Für die italienische Wirtschaft ist der Ausmaß des Schadens, den der Parmalat-Skandal angerichtet hat, noch kaum überschaubar. Regierungschef Silvio Berlusconi hat Hilfen angekündigt, um zu retten, was noch zu retten ist. Tausende Milchbauern haben etwa bisher Parmalat beliefert - sie könnten vor dem Nichts stehen. Und auch Tausende Arbeitsplätze vor allem in der als Italiens „Food Valley“ bekannten Region um Parma sind bedroht - dort sind weltbekannte Spezialitäten wie der Parmesan und der Parmaschinken zu Hause.

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