Bis zum letzten Tropfen
Das Ende von Deutschlands Ölfördergeschäft naht

Wer nach Öl bohrt, braucht viel Gefühl“, sagt Dirk Jalas. Erahnen müsse der Mann, der das Bohrgestänge bedient, wohin sich das tonnenschwere Gerät in über 1 000 Metern Tiefe bei fast 100 Grad und einem Druck von 300 bar fräst. In seinem Kontrollhäuschen am Fuß des Bohrturms auf Deutschlands einziger Öl-Förderinsel, der Mittelplate-A, blinkt zwar eine Reihe Monitore mit Daten aus der Tiefe. Was genau sich dort unten tut, weiß aber keiner. „Man muss daher immer zehn Meter vorausdenken“, sagt Fördermeister Jalas. Damit der Bohrer nicht stecken bleibt.

HB CUXHAVEN. Denn das kostet extra – eine Millionen Euro, um das Gestänge wieder herauszuholen und zu ersetzen. Überall auf der Welt ist das Ölgeschäft hart und teuer. Aber besonders gilt das in Deutschland. Hier wurde schon 1858 Öl gefunden, aber hier sind die wenigen Reserven auch so schwierig zu fördern wie kaum sonst irgendwo.

Wenn sich morgen in Kairo die Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) wieder einmal trifft, um den Ölpreis nach seinem Sturz von über 50 Dollar auf 36 Dollar für das Barrel Brentöl (159 Liter) zu stützen, kann das den deutschen Förderern nur recht sein. Denn ihr Geschäft verlangt immer größeren technischen Aufwand. Sinken die Preise zu stark, würde Deutschlands Öl wohl das Schicksal seiner Steinkohle teilen: Tendenz Förderung null.

Doch da sind die hohen Ölpreise vor. Selbst der aktuelle Preis von 36 Dollar pro Barrel liegt fast zehn Dollar über dem Niveau vom Jahresanfang. Deutschlands Öl-Pumpen werden also einstweilen weiterlaufen und Deutschlands Abhängigkeit vom unstabilen Weltölmarkt verringern – wenn auch nur um einen Deut.

Fördermeister kennt die Zahlenspielchen

Nur rund drei Prozent des deutschen Jahresbedarfs deckt das einheimische schwarze Gold. Die deutschen Erdölreserven schätzen Experten auf 388 Millionen Barrel. Ließen sie sich auf einen Schlag fördern, würde Deutschland gerade mal von Januar bis Mitte Juni ohne Importöl auskommen. Dann wäre Deutschlands Öl aufgebraucht.

Fast 21 000 Barrel Rohöl pro Tag saugt die Plattform Mittelplate-A sieben Kilometer vor Cuxhaven aus dem Wattenmeer. Betrieben wird sie von einem Konsortium der beiden größten deutschen Ölförderer, der RWE-DEA und der BASF-Tochter Wintershall.

Fördermeister Dirk Jalas kennt all die Zahlenspielchen. Doch sein Job ist es nur, das Öl aus der Tiefe zu holen. „Es dauert Jahre, bis jemand in der Lage ist, eine Bohrung durchzuführen“, sagt Jalas. Die Männer werden langsam an ihr riesiges Werkzeug gewöhnt, das sie zur Not mit einer überdimensionierten Fußbremse zum Halten bringen können. „Nicht jeder kann den Bohrer bedienen“, sagt der 44-Jährige mit dem kantigen Gesicht.

Erster Ölboom in den USA

Auf der Mittelplate arbeiten noch zwei weitere Fördermeister im Schichtbetrieb. Hier zu Lande stirbt ihr Gewerbe aus. In Deutschland gibt es nur noch eine Hand voll Fördermeister. Jalas und seine Kollegen arbeiten auf Deutschlands letztem großem Ölfeld. Jalas weiß: „Die Perspektive für unsere Industrie ist in diesem Land endlich.“ Sehr endlich. Noch 30 Jahre, dann ist Schluss – selbst wenn die Preise hoch bleiben.

Auf geologischen Karten bildet das Ölfeld im Watt einen deutlichen Fleck. 200 Kilometer südlich davon ziehen sich winzige Sprengsel über das Niedersächsische Becken: Kleinere Ölvorkommen und ihre Reste.

Dort zwischen Hannover und Oldenburg liegen die Anfänge der deutschen Ölwirtschaft – im Dörfchen Wietze. Im April anno 1858 führte Georg Christian Konrad Hunäus, Professor an der Polytechnischen Schule Hannover, in der Teerkuhle des Wietzer Bauern Wallmann eine Bohrung durch. Er suchte Kohle. Doch nach 35 Metern stieß er auf Öl.

Bauer Wallmann wurde reich, Hunäus aber musste auf Ruhm verzichten. In die Annalen ging ein, dass es der Amerikaner „Colonel“ Drake war, der als Erster erfolgreich nach Öl bohrte. Er war zwar ein paar Monate später dran als Hunäus, löste aber dank des hohen Bedarfs nach Petroleum in den USA den ersten Ölboom aus, während die deutsche Bohrung jahrelang folgenlos blieb.

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