Blockbuster-Medikamente gesucht
Pharmakonzerne: Jäger verborgener Schätze

Nichts lockt die Pharmakonzerne so sehr wie ein neuer Blockbuster. Die milliardenschweren Medikamente bescheren der Branche immer neue Erfolge. Wie aber macht man einen Blockbuster? Für den Bestseller von morgen taugen die Vorbilder von heute nur noch bedingt.

FRANKFURT. Am 8. November 1989, einen Tag bevor die Berliner Mauer fällt, erlebt Peter Bühlmayer in der Schweizer Grenzstadt Basel seinen ganz persönlichen Durchbruch: In der sechsten Etage in einem Laborgebäude der Firma Ciba-Geigy synthetisiert er ein Molekül mit der Summenformel C24 H29 N5 O3 . Die unscheinbare weißliche Substanz erhält den chemischen Namen Valsartan und - den Gepflogenheiten der Ciba-Pharmasparte entsprechend - die interne Nummer CGP 48933. "Ich hatte sofort ein gutes Gefühl, dass wir eine sehr interessante und sichere Substanz gefunden hatten", erinnert sich Bühlmayer heute.

Damit untertreibt er maßlos. Denn es war dem Chemiker an diesem trüben Novembertag gelungen, eine der wertvollsten Substanzen zu finden, der die pharmazeutische Industrie je auf die Spur gekommen ist. Es war ein Molekül, für dessen Entdeckung die American Chemical Society Bühlmayer und sein Team später als "Heroes of Chemistry" auszeichnete. Doch vor allem gestattete die Substanz Bühlmayers Arbeitgeber, sich eine führende Position im Arzneimittelgeschäft zu sichern.

Denn aus dem Wirkstoff Valsartan entstand das Bluthochdruck-Medikament Diovan, das dem Schweizer Pharmakonzern Novartis inzwischen einen weltweiten Jahresumsatz von gut fünf Milliarden Dollar beschert. Diovan gehört damit zu den erfolgreichsten Arzneimitteln weltweit. Im Jargon der Pharmabranche ist es ein "Blockbuster", also eines jener Milliardenprodukte, die das Rückgrat der Arzneimittelindustrie bilden.

Ein einziger Blockbuster bringt dem Hersteller Erträge, von denen viele andere Branchen nur träumen. In die Entwicklung von Blockbustern investieren die Pharmakonzerne daher heftiger denn je; trotzdem sind Blockbuster immer schwerer zu finden. Dass sein kleines Molekül einmal zu diesen Juwelen gehören würde, konnte Peter Bühlmayer am 8. November 1989 kaum ahnen. Denn auf dem unberechenbaren Weg zum Pharmabestseller ist die Wirkstoffsynthese nur eine von vielen kritischen Etappen. Immer wieder sind Rückschläge möglich, manchmal erinnert die Wirkstoffsuche an ein Glücksspiel. Schließlich mischen stets auch die Manager mit; es geht um sehr viel Geld.

Das Beispiel Diovan belegt auch, wie lange es wirklich dauert, um einen Blockbuster zu entwickeln. In diesem Falle beginnt die Geschichte in den 1950er-Jahren, als Forscher an den Universitäten nach und nach die komplizierten biochemischen Vorgänge aufklären, die im menschlichen Körper den Blutdruck regulieren. Als wichtigen Ausgangspunkt identifizieren sie ein Enzym namens Renin, das in den Nieren gebildet wird und für die Produktion des Hormons Angiotensin I verantwortlich ist. Dieses ist zwar inaktiv, wird aber von einem Enzym - dem Angiotensin-Converting-Enzym, kurz ACE - in die aktive Version Angiotensin II (AT2) gewandelt. AT2 dockt an den Zellen von Blutgefäßen an und bringt sie dazu, sich zusammenzuziehen. Dies wiederum lässt den Blutdruck in den Adern steigen.

Die Pharmaentwickler stürzen sich auf RAS

Je mehr Licht die akademische Forschung in den folgenden Jahren in diese Stoffwechsel-Kaskade bringt, desto attraktiver erscheint sie als möglicher Angriffspunkt für pharmazeutische Wirkstoffe. Ab Ende der 60er-Jahre – gut zehn Jahre nachdem der amerikanische Biochemiker Leonard Skeggs seine bahnbrechende Analyse der Renin-Funktion publiziert hatte - stürzen sich die kommerziellen Pharmaentwickler auf dieses Renin-Angiotensin-System (RAS). Ihre ersten Erfolge verbuchen sie ein weiteres Jahrzehnt später mit Wirkstoffen, die ACE blockieren. Im Jahr 1981 erstmals eingeführt, entwickeln sich diese sogenannten ACE-Hemmer schnell zu einer der erfolgreichsten Produktkategorien der Pharmabranche.

Aber schon damals erscheint der Markt für Blutdruckmedikamente attraktiv genug für weitere neue Therapiekonzepte. Große Arzneimittelhersteller, darunter der US-Konzern Merck & Co. und die deutsche Boehringer Ingelheim, setzen die Suche nach neuen Wirkstoffen fort. Sie fahnden nach Molekülen, die den Rezeptor für das Hormon Angiotensin blockieren. Bei Ciba übernimmt Peter Bühlmayer 1986 die Leitung eines solchen Projekts und muss in den darauf folgenden beiden Jahren feststellen, dass der AT2-Rezeptor ein ausgesprochen schwieriges "Target" - so nennen die Pharmaforscher den Angriffspunkt für ihre Wirkstoffe im menschlichen Körper - ist.

Und dann kommt der Schock: Im Januar 1988, als man bei Ciba schon einige Tausend Substanzen ohne Erfolg getestet hat, publiziert der amerikanische Chemiekonzern Dupont ein Patent auf ein Arzneimolekül namens Losartan, das den Angiotensin-Rezeptor wirksam blockiert. Die Dupont-Entwicklung basiert kurioserweise auf einem Ansatz, den Jahre zuvor bereits der japanische Pharmahersteller Takeda verfolgt, wegen zu schwacher Wirkung dann aber wieder aufgegeben hatte.

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